Drüberleben [Rezension]

25 Dez

Kathrin Weßling - Drüberleben

Autor: Kathrin Weßling
Titel: Drüberleben
Seitenzahl:
320
ISBN: 978-3-442-31284-9
Verlag:
Goldmann

Zum Inhalt:

Ida steht zum wiederholten Mal in ihrem Leben vor der Tür einer psychiatrischen Klinik, mit einem Zettel, auf dem ihr Name und der Grund für ihren Aufenthalt genannt sind. F 32.2. Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome. »Drüberleben« erzählt von den Tagen nach diesem Tag, von den Nächten, in denen die Monster im Kopf und unter dem Bett wüten, den Momenten, in denen jeder Gedanke ein neuer Einschlag im Krisengebiet ist. Es erzählt von Gruppen, die merkwürdige Namen tragen, von Kaffee in ungesund großen Mengen, von Rückschlägen und kleinen Fortschritten, von Mitpatienten und von Therapeuten. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die sich zehn Wochen in eine Klinik begibt und dort lernt zu kämpfen. Gegen die Angst und gegen das Tiefdruckgebiet im Kopf.

Kathrin Weßling - Drüberleben_2

Meine Meinung:

„Jeder Versuch, einen Tag so zu verbringen, dass er mit dem eines Menschen vergleichbar wäre, dem die anderen nicht raten würden, psychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen, scheitert schon bei dem kläglichen Unterfangen, vor dreizehn Uhr das Bett zu verlassen.“ (Seite 15)

Ida Schaumann hat Depressionen. Sie war schon wiederholt in Behandlung. Doch nun scheint die Krankheit stärker zu sein, als zuvor. Daher ist sie nun in einer Spezialklinik und soll dort 8 Wochen bleiben. Sie teilt ihr Zimmer mit Isabell – einer Leidensgenossin, die einiges in ihrer Vergangenheit erlebt hat. Ihr Alltag besteht nun aus Gruppen- und Einzelgesprächen, Ergotherapie usw. Damit versucht sie, ihr Leben, oder was davon übrig ist, in den Griff zu bekommen. Als die Therapie weiter fortgeschritten ist schlägt man ihr vor, ihre Eltern zu besuchen. Das ist purer Streß für Ida. Außerdem wird sie nun mit Geschehnissen aus ihrer Vergangenheit konfrontiert, die sie am liebsten verdrängen würde. Dieser Besuch läuft anders, als gedacht. Er bedeutet für sie Fluch und Segen zugleich…

„Es blieb nur dieser eine Satz, den das Unaussprechliche sich selbst beschreibend einem Mantra gleich wiederholte.
Leben ist sinnlos.“ (Seite 120)

Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt:
1. Fallen
2. Liegen
3. Steigen

Und genau das erlebt man als Leser mit Ida: man fällt, man liegt, man steigt – nicht wie Phönix aus der Asche. Aber wie ein Mensch. Ein Mensch, der sich mit realen Problemen und seiner Krankheit beschäftigen muss. Und der jeden Tag versucht, das Beste zu geben.

„Wir sitzen uns in meiner Küche gegenüber, und er beginnt zu erzählen und erzählt vom März im letzten Jahr, und ich frage mich, was ich zu dieser Zeit gemacht habe, und ich erinnere mich daran: Ich war traurig. Und er erzählt vom Juli im letzten Jahr, und ich frage mich, was ich zu dieser Zeit gemacht habe, und ich erinnere mich daran: Ich war traurig. Und er erzählt von letzten Jahr, und ich frage mich, was ich im verdammten letzten Jahr eigentlich zum Teufel gemacht habe, und ich erinnere mich daran: ich war traurig.“ (Seite 192)

Katrin Weßling ist 27 Jahre alt und bekannt durch Slam-Poetry. An Depressionen litt sie schon mehrere Jahre. Zuerst wurden diese medikamentös behandelt. Doch als diese nicht mehr halfen, kam sie um einen Aufenthalt der Psychatrie nicht herum. Seit dem Jahr 2010 bloggt sie auf drueberleben.wordpress.com über ihr Befinden und das, was sie bewegt. Und das überaus erfolgreich.

Ich zolle der Autorin ganz großen Respekt, dass sie sich traut, dieses Thema „in der Öffentlichkeit“ anzusprechen und darauf aufmerksam zu machen. Für Viele ist es wohl noch immer ein Tabu. Doch ein solches Buch hilft, die Leute darauf aufmerksam zu machen und die Problematik in die Öffentlichkeit zu integrieren. Da ich selber bisher mit Depressionen noch nicht in Kontakt gekommen bin, kann ich kaum darüber urteilen oder gar etwas Schlechtes zu dem Buch sagen. Aber wie könnte ich auch? Mehrfach habe ich mich gefragt, wie sich das wohl anfühlen muss. Was einem in so einer Situation wohl durch den Kopf gehen mag?

„Drüberleben“ ist ein wunderbares Buch, eine aufrichtige und ehrliche Geschichte mit einer Protagonistin, die versucht, jeden Tag zu überleben und jeden Tag ins Leben zurück zu finden. In ein Leben „vor der Krankheit“, an das sie sich aber kaum noch erinnert (gab es dieses Leben überhaupt?). Und das Ganze ohne in Selbstmitleid zu zerfließen. Ein interessantes und aufwühlendes Buch – eine wirkliche Empfehlung!

Vielen Dank an den Goldmann Verlag, der mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat.

5 Herzen

SaCre

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