Volle Pulle [Rezension]

3 Jan

Uli Borowka - Volle Pulle

Autor: Uli Borowka mit Alex Raack
Titel: Volle Pulle – Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker
Seitenzahl:
304
ISBN: 9783841901798
Verlag:
Edel

Zum Inhalt:

Nicht nur bei den Fans, sondern auch auf dem Spiefeld bilden Alkohol und Fußball häufig eine unselige Allianz. Der Bremer Nationalspieler Uli Borowka war ein gefürchtetes Abwehrbollwerk. Sein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker konnte er vor Fans und Öffentlichkeit jahrelang verheimlichen. Erst zwei Jahre nach seinem Abschied aus der Bundesliga gelang ihm im Jahr 2000 nach viermonatiger, stationärer Therapie der Ausstieg aus der Alkoholsucht. Borowka berichtet in seiner typisch direkten und kompromisslosen Art von Alkohol und Fußball, Freunden und Feinden, Enttäuschungen und Unterstützung.

Uli Borowka - Volle Pulle_2

„Ich nehme das Glas und leere es in einem Zug.
Mein Name ist Uli Borowka und ich werde mir jetzt das Leben nehmen.“ (Seite 13)

Meine Meinung:

Ich bin Fan eines anderen Bundesliga-Vereins. Doch wenn ich mich an meine Jugend zurück erinnere und das samstägliche Fußball-Schauen mit meinem Vater, kann ich mich noch gut an ihn erinnern: Uli Borowka – die Axt. Der härteste Defensivspieler, den die Bundesliga damals kannte. So habe ich ihn in Erinnerung. Von seinem Image als Bad Boy und den ganzen Eskapaden habe ich nicht so viel mitbekommen. Bis jetzt… Als ich die Inhaltsangabe und einige Auszüge aus diesem Buch gelesen habe, war meine Neugier mehr als geweckt. Und sie wurde nicht enttäuscht.

„Es passierte gleich am Anfang der neuen Saison. Es begann damit, dass ich morgens um kurz vor zehn Uhr in meinem Auto wach wurde und nicht wusste, wo ich war. Ein Blick aus dem Auto klärte zumindest das: Ich stand auf dem Parkplatz der Raststätte Wildeshausen, etwa 30 Kilometer süd-westlich von Bremen. Mein Mund war ganz belegt von zu viel Bier und Schnaps. Mein Schädel schmerzte. Und mein Tank war leer, bis auf den letzten Tropfen.
Wie zum Teufel, war ich hierhergekommen?
Das Gefühl, mit einem Kater aufzuwachen, ja sogar, mit einem Kater Fußball zu spielen, hatte ich hunderte Mal zuvor erlebt.“ (Seite 215)

Uli Borowka, geboren 1962 in Hemer (Sauerland). Wohlbehütet wuchs er dort auf. Seine Eltern führten eine Gaststätte, die im Ort auch das Vereins-Stammlokal war. Früh war sein Interesse für Fußball geweckt. Und das auch recht erfolgreich. Er spielte in der Stadtauswahl von Iserlohn und 1976 wurde er sogar zum Training für die Westfalenauswahl nach Kaiserau eingeladen. Hier traf er auch die damalige Nationalmannschaft, die sich auf die Weltmeisterschaft vorbereitete. Was für ein Erlebnis, seinen Idolen mal so nah zu sein!
Leider reichte es nicht für die Auwahl damals. Über einige Umwege landete er schließlich bei Borussia Mönchengladbach, wo er unter dem Trainer Jupp Heynckes einen Edelamateur-Vertrag bekam. Jupp Heynckes schrieb übrigens auch in diesem Buch das Vorwort. Gleichzeitig startete er seine Ausbildung als Maschinenschlosser. Jupp Heynckes war sein großer Förderer, der ihn gleichzeitig aber auch sehr genau im Auge behielt („big Jupp is watching you“). Seine nächste Profi-Station war Werder Bremen, nachdem er auch Angebote von Borussia Dortmund und dem FC Bayern München hatte.
1988 – er hatte gerade seine erste Nationalmannschafts-Erfahrungen gesammelt – sollte er nach Seoul zu Olympia fahren, um dort für Deutschland um Gold zu kämpfen. Doch seine Frau erwartete ein Kind. Er schob eine Pseudo-Verletzung vor und sagte den Tripp ab. Hier tauchte zum ersten Mal das Frust-Saufen auf, obwohl er auch vorher schon regelmäßig – wenn auch noch nicht zu übermäßig – trank. Diese Zeit brachte einen ersten Bruch in sein Leben. Zeitgleich war es leider auch schon das Ende seiner viel zu kurzen Karriere in der deutschen Nationalmannschaft. Die Geburt des zweiten Kindes brachte den endgültigen Bruch mit seiner Frau. Statt bei ihr im Krankenhaus zu sein, war er beim Auswärtsspiel in Frankfurt – wo er noch nicht mal im Kader war. Der Alkohol schlich sich immer weiter in sein Leben.

Rückblickend war der große Knackpunkt wohl im Jahr 1995: der Alkohol hatte sein Wesen verändert! Wo er vorher noch Konflikte (im Fußball) mit Kampf, Ehrgeiz und Leistung bewältigte, so ließ er das nun vermissen. Der Trainer hatte ihn geärgert? Nun, statt auf dem Platz die Leistung zu bringen wurde sich nun „gerächt“, mit Worten und Taten. Mittlerweile war es auch so weit, dass seine Frau mitsamt den Kindern ausgezogen war. Nach einigen weiteren Eskapaden warfen die Bosse von Werder Bremen ihn schließlich raus.
Ein Wechsel nach England platzte. Die fußballerische Karriere war endgültig vorbei. Über einige unterklassige Vereine ging es kurz ins Ausland (nach Polen). Doch als auch diese kurzen Gastspiele vorbei waren, gab es nur noch Party & Alkohol. Bis er schließlich Anfang März 2000 in eine Suchtklinik eingeliefert wurde und diese nach erfolgreicher Therapie Ende Juni 2000 als „trockener Alkoholiker“ wieder verlassen konnte.

Das Buch ist eine packende Biografie über einen Fußballer, der doch eigentlich alles zu haben schien, doch sich auf falsche Freunde einließ: Bier, Wein, Schnaps. Als Leser erhält man Einblicke in das Leben eines Profifußballers und die Hintergründe eines solchen Lebens. Und schnell lernt man eins: als Profisportler, der in der Öffentlichkeit steht, muss man stark sein, darf keine Schwächen zeigen. Es zeigt uns, wie der knallharte Fußballer nicht wusste, wohin mit Emotionen. Der Zufluchtsort war dann der Platz an der Theke. Uli schrieb, erkannt zu haben, schon seit Anfang seiner Profikarriere (Mitte der 80-er), psychisch vom Alkohol abhängig gewesen zu sein. Er hatte richtige Tiefpunkte, hat „viel Scheiße gefressen“ und auch mehrmals Glück im Unglück gehabt, dass er überhaupt noch lebt. Teilweise war ich über seine Schilderungen leicht erschrocken. Manche Dinge hätte ich in einem Hollywood-Film erwartet, nicht aber im Leben eines Profifußballers!

„Ich sank so tief, dass ich meinen ehemaligen Mitspieler Mario Basler auf dem Handy anrief und ihm meine Sorgen auf die Mailbox quatschte. Ob er mir nicht mit 10.000 DM aushelfen könne. Der alten Zeiten wegen. Mario hat sich nie bei mir zurückgemeldet. Ich bin ihm nicht böse, dass er mir kein Geld geliehen hat, aber einen kurzen Rückruf hätte ich in meiner Situation gut gebrauchen können.“ (Seite 257)

Er lag am Boden, ist aber wieder aufgestanden. Weil er zu dem zurückfand, was ihn einst stark gemacht hat: Kampf und Wille. Er zeigt nicht mit dem Finger auf andere, um Schuldige zu suchen. Er zieht nicht mit alten Weggefährten hart ins Gericht oder rechnet nachträglich mit ihnen ab. Er weiß ganz genau, dass es allein an ihm lag. Nein, er kämpft darum, dass therapierte Süchtige bessere Anerkennung in Deutschland finden. Dass man ihnen Chancen gibt. Und dass sie sich nicht rechtfertigen müssen, weil sie „Wasser statt Wein bestellen“ (wie in seinem Fall).

Das macht das Buch wirklich lesenswert und es verdient Respekt! Und nebenbei gibt es hier und da noch die einige Anekdoten, die mich wirklich zum Schmunzeln brachten. Eine Empfehlung für alle Sport-/Fußballfans oder Leute, die Interesse an gegenwärtigen Personen öffentlichen Lebens haben. Und an Leute, die gerne mal wieder kurz den „alten Helden“ der 90-er begegnen möchten (um ein paar Namen zu nennen: Karl-Heinz Riedle, Olaf Thon, Andreas Möller, Mario Basler, und und und). Oder an angehende Profifußballer… Eigentlich an alle.

Vielen Dank an das Team vom Edel Verlag, für die ich dieses Buch rezensieren durfte. Mehr zu Uli Borowka, seiner Karriere und seinen Erfolgen, gibt es auf seiner Website.

„Image ist im Fußball immer noch alles – vor allem dann, wenn man nicht vom Talent geküsst ist, sondern sich seinen Platz an der Sonne hart erkämpfen muss.“ (Seite 271)

5 Herzen

SaCre

2 Antworten to “Volle Pulle [Rezension]”

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  1. Jahresrückblick 2013 | Dein Buchjahr in 30 Fragen | Bookwives - 31. Dezember 2013

    […] Wenn dazu auch Biografien zählen, muss ich “Volle Pulle” von Uli Borowka nennen. Erschreckend, was diesem ehemaligen Fußballprofi so passiert […]

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  2. Uli Borowka – Volle Pulle (Lesung) | Muromez - 19. Januar 2014

    […] [Anmerkung: Rezensionen zu dem Buch bei JogisJungs, Worum und Bookwives.] […]

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