Ein Jahr voller Wunder [Rezension]

11 Mai

1 Buch - 2 MeinungenEin Jahr voller Wunder von Karen Thompson Walker

Autor: Karen Thompson Walker
Titel: Ein Jahr voller Wunder
Seitenzahl: 320
ISBN: 978-3-442-75363-5
Verlag: btb
Veröffentlichung: 13. Mai 2013
Leseprobe
 

Zum Inhalt:

Das kalifornische Ehepaar Joel und Helen sitzt mit seiner Tochter Julia gerade am Frühstückstisch, als die Neuigkeit über sie hereinbricht: Die Erdrotation verlangsamt sich spürbar. Und auf einmal ist alles anders. Als sich Julia Hals über Kopf zum ersten Mal verliebt. Und Julias Vater mit dem Gedanken spielt, seine Frau für Julias Klavierlehrerin zu verlassen, die sich nicht von der allgemeinen Panik anstecken lässt. Und Julias Mutter gegen ihre Depressionen ankämpft. Was geschieht mit einer Familie, wenn sich plötzlich das Gefüge um sie herum verschiebt? Was könnte verhängnisvoller sein als der Zerfall einer Ehe? Was bewegender als die Gefühle eines verunsicherten Teenagers? Denn selbst wenn die Erde, wie manche voraussagen, vor ihrem Ende steht – das Leben muss doch weitergehen …

SaCre:

„Es war wie ein Spuk: zwei Zeitdimensionen, die ein und denselben Raum einnahmen.“
(Seite 128)

Die Erde dreht sich langsamer. Ein Tag hat mehr Stunden. Deutlich mehr. Klingt doch toll! Mehr Zeit für die Menschen, das zu tun, was sie möchten. Lesen zum Beispiel.
Was aber erstmal als nicht so schlimm klingt, entwickelt sich zu einem Drama. Wie leben die Leute nun? Halten sie sich an die Uhrenzeit oder an die Echtzeit? Die Regierung möchte, dass die Bürger sich nach der Uhrenzeit richten. Doch das stößt auf Widerstand. Und Leute, die sich nicht der Mehrheit anschließen, werden zu Außenseitern.

Ebbe und Flut werden beeinträchtigt. Ebenso wie Tiere: Ein plötzliches Vogelsterben setzt ein. Und in diesem ganzen Chaos hat Julia mit weiteren Problemen zu kämpfen: ihre Eltern stecken in einer Ehekrise, sie verliert die 2 Freundinnen, die sie hat, und ihr Schwarm Seth interessiert sich nicht für sie.

Es ist eine düstere Welt, in die die Autorin Karen Thompson Walker uns hier entführt. Sehr ausführlich und detailliert beschreibt sie uns die Veränderungen, die sich in der Welt und den Menschen bemerkbar machen.
Mehrmals habe ich mich gefragt, wie ich wohl in dieser Situation reagieren würde. Wie fühlt es sich an, wenn „das Gefühl von Sonnenschein… der Geschmack von Erdbeeren, das Zerplatzen einer Traube im Mund“ verloren gehen? Sehr schwer vorstellbar und erschreckend.

Die Geschichte ist komplett aus Julias Sicht geschrieben. Sehr authentisch sind die Erzählungen über die Krise ihrer Eltern, den Verlust ihrer Freundinnen und der Probleme, die die Pubertät und die erste Liebe so mit sich bringen.

„Wir waren wie Wanderer in einer Wüste, beschenkt mit einem kostbaren Wolkenbruch, aber nicht in der Lage, den Regen aufzufangen.“
(Seite 131)

So interessant das Thema auch ist. In der Umsetzung gibt es von mir leider Punktabzug. Die Autorin konnte mich mit ihren Worten und ihrem Stil leider nicht ganz packen. Und so plätscherte das Geschehen vor sich hin. Da hätte man als Autor mehr draus machen können.
Der Titel hat mich auch etwas fehlgeleitet: ich hatte mir etwas anderes unter der Story vorgestellt. Das Wort „Wunder“ verwirrt mich. Mit Wundern verbinde ich etwas Positives. Meiner Meinung nach passt das nicht zur Geschichte.
Das Cover finde ich sehr schön (und nebenbei: es zeigt einen Effekt, entstanden aus den Folgen der Veränderungen des Erdmagnetfeldes, genannt „Aurora Media“). Auf mich wirkt es positiv – ganz im Gegensatz zur Grundstimmung der Geschichte.

Nichts ist beständig in dieser Welt. Nur eins: die in Teer geschriebenen Worte, die von der Existenz dieser Menschen zeugen – „Julia & Seth – Wir waren hier.“

„Und so wurden, als die Tage auf sechzig Stunden anwuchsen, Freizeitparks und Freilufteinkaufszentren während der hellen Stunden geschlossen. Einige Sportereignisse wurden abgesagt oder in überdachte Stadien verlegt. Die industriellen Gewächshäuser wurden mit Planen abgedeckt – Strahlung konnte die Zellen der Pflanzen genauso leicht zerstören wie unsere. Ab da lebten Getreide und Gemüse ausschließlich von künstlichem Licht.“
(Seite 270)

3 Herzen

SaFi:

„Es gab keine Bilder, die man im Fernsehen zeigen konnte, keine brennenden Gebäude oder eingestürzten Brücken, kein verdrehtes Metall oder versengte Erde, keine Häuser, die von Fundamenten abrutschten. Niemand war verletzt. Niemand war tot. Es war, zu Anfang, eine ziemlich unsichtbare Katastrophe.“
(Seite 19)

Tage sind auf einmal nicht mehr 24 Stunden lang. Am ersten Tag nach der Verlangsamung sind es auf einmal schon 56 Minuten mehr. In den folgenden Tagen, Wochen, Monaten kommen immer mehr Minuten und Stunden hinzu. Irgendwann geht die Sonne zwei Mal auf und wieder unter, bevor ein Tag um ist. Aber auch das ist noch immer nicht das Ende… Und du musst dich entscheiden: Lebt du nach der Echtzeit oder der Uhrenzeit? Beide Lebensweisen haben ihre Vor- und Nachteile, und vor allem harmonieren nicht miteinander.

Aussagen wie „Mein Tag könnte ruhig 48 Stunden haben“ bekommen nach Lesen des Buches eine völlig neue Bedeutung. Wer würde anfangs, wenn man tatsächlich zusätzliche Zeit quasi geschenkt bekommt, denn daran denken, dass das eines Tages Auswirkungen auf ALLES haben könnte, was unser Leben betrifft?!

Titel, Cover, Klappentext – all das hat mich ein anderes Buch erwarten lassen. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es so düster, trist und stellenweise auch so langatmig, fast schon langweilig sein würde. Dabei ist das Thema alles andere als langweilig, obwohl die Thematik an sich ja eher für Physik-Professoren und Studenten interessant wäre. Die Autorin belässt es in ihrem Roman aber nicht bei der bloßen Theorie. Sie schafft es, die Auswirkungen, die eine Verlangsamung der Erdrotation mit sich bringen könnte, für jeden gut verständlich rüberzubringen und eindringlich zu beschreiben. Gerade in Bezug auf die bis dato alltäglichen, banalen, für selbstverständlich hingenommenen Dinge.

„Die Tage vergingen. Uhrenmorgen, Uhrenabende. Dunkelheit und Licht trieben über uns hinweg wie vorbeiziehende Gewitter, nicht mehr länger an unsere Tage oder unsere Nächte gekettet. Die Dämmerung setzte manchmal mittags ein; die Sonne ging bisweilen erst abends auf und erreichte ihren höchsten Punkt mitten in der Uhrennacht. Schlafen war schwierig. Aufwachen noch schwerer. Schlaflose wanderten durch die Straßen. Und die Erde drehte sich weiter, Tag für Tag immer langsamer.“
(Seite 122)

Die Geschichte wird uns aus der Sicht der anfangs noch 11jährigen Julia erzählt. Sie ist unglücklich verliebt, hat nicht viele Freunde und auch bei ihren Eltern läuft nicht alles rund. Der Autorin ist es im Großen und Ganzen ganz gut gelungen, die Konsequenzen einer solchen Entwicklung auf das Leben einer einzelnen Familie und auf deren näheres Umfeld zu fokussieren, ohne dabei das große Ganze aus dem Blick zu verlieren. Während des Lesens kommen einem immer wieder Aussagen wie „Das letzte Mal, dass ich … gegessen/gesehen habe.“ So fragt man sich bis zum Ende, was wohl aus Julia und dem Rest der Welt geworden ist.

Das Lesen dieses Buches fiel mir stellenweise nicht leicht. Ich hangelte mich, nach anfänglicher Euphorie, von einer Seite zur nächsten. Immer darauf wartend, dass ein Highlight für Abwechslung sorgen würde. Ich habe quasi auf den großen Knall (wörtlich und/oder bildlich) in diesem Buch gehofft.

Nach Zuschlagen des Buches bin ich mir nicht so sicher, wie ich dieses Buch nun einordnen soll. Ein Endzeit-Thriller ohne den typischen Thrill, wie man ihn aus diversen Hollywood-Blockbustern dieses Genres kennt? Ein Buch, das mahnen soll? (Den erhobenen Zeigefinger der Autorin habe ich während des Lesens öfters vor meinem inneren Auge gesehen.) Eine Dystopie? All das trifft irgendwie ein bisschen zu, aber nichts davon zu hundert Prozent.

Ebenso unschlüssig bin ich mir bei der Bewertung des Buches. Nach langem hin und her, und nachdem mir das Schreiben einer Rezension mal wieder vor Augen geführt hat, dass ich das Buch dann doch nicht so schlecht fand, wie ursprünglich gedacht, entscheide ich mich für neutrale Mitte.

„Immer noch setzte sich die Verlangsamung fort. Die Tage dehnten sich. Eine nach der anderen tröpfelten die Minuten herein – und selbst ein Rinnsal kann sich, wie wir inzwischen begriffen haben, letzten Endes zu einer Flut anstauen.“
(Seite 192)

3 Herzen

5 Antworten to “Ein Jahr voller Wunder [Rezension]”

  1. Bücherjunkies 16. Mai 2013 um 11:04 #

    Ich fand den Titel hinsichtlich der Thematik auch eher unglücklich gewählt, wollte das Buch aber trotzdem gern lesen. Nach eurer Rezension bin ich mir nun aber nicht mehr so sicher. Danke für die ehrlichen Meinungen.

    LG Michaela

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    • bookwives 16. Mai 2013 um 11:07 #

      Hallo Michaela,
      danke für deinen Kommentar. Dafür haben wir ja unseren Blog, um unsere ehrliche Meinung zu verbreiten. 🙂
      Hm… dann sind wir mal gespannt, ob du dich doch noch für das Buch entscheidest. Halte uns auf dem Laufenden.

      Grüße, SaCre

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  2. literatwo 15. Juni 2013 um 20:21 #

    Zum Buchtitel und auch sonst haben wir durchaus ähnliche Sichtweisen…

    http://literatwo.wordpress.com/2013/06/15/ein-jahr-voller-wunder-karen-thompson-walker/

    Starke Rezension habt ihr da verfast… Respekt… ;-9

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    • bookwives 15. Juni 2013 um 20:50 #

      Danke, ihr beiden!
      Wir sind da ja wirklich einer Meinung. Quasi „1 Buch – 4 Leser – 1 Meinung“. 🙂

      Ganz liebe Grüße
      von der SaCre

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