Tu dir weh [Rezension] – FSK 18!!!

Tu dir weh
 
Autor: Ilaria Palomba
Titel: Tu dir weh
Seitenzahl: 314
ISBN: 978-3-351-05001-6
Verlag: Blumenbar
Veröffentlichung: 06. März 2013
Leseprobe

Zum Inhalt:

Ohne Narben wirst du nicht alt.

Die hübsche, neunzehnjährige Philosophiestudentin Stella lernt auf einer Party einen Mann mit verführerischer Stimme kennen: Marco. Kurz darauf machen sie es im Auto. Das erste Mal ist wie ein Rausch. Doch der Drang, es so noch einmal zu erleben, führt Stella in eine folgenschwere Abhängigkeit. Das Berührende ist: Stella spürt von Anfang an, was Marco mit ihr vorhat, doch kann sie sich noch befreien, bevor es zu spät ist … (Buchrücken)

Meine Meinung:

„Der Fixer steckt sich einen abgeschnittenen Strohhalm in die Nase und zieht die erste Line weg. Danach reicht er ihr den Strohhalm. Sie sehen aus wie zwei Blätter im Wind: Der eine zittert wegen des Entzugs, die andere aus Panik.“
(Seite 30)

Stella ist schon eine wundersame junge Frau. Sie ist klug, studiert Philosophie und kann ihre Mitmenschen eigentlich ziemlich gut einschätzen. Dies wird durch ihre immer wieder und sehr häufig eingeflochtenen Gedanken deutlich. Dennoch tut sie stets das Gegenteil von dem, was ihr Kopf ihr rät. Weil sie rebellieren will? Weil sie sich langweilt? Weil sie ihren Eltern entfliehen will? Festzuhalten ist jedenfalls, dass sie sich immer wieder freiwillig in die Situationen begibt, die sie mehr als einmal an den Rand des Abgrunds bringen. Und stellenweise sogar darüber hinaus.

Die Dinge, die Stella erlebt, auf was sie sich im Verlauf der Geschichte einlässt, sind, um es auf den Punkt zu bringen, krass. Dabei sollte krass in der krassesten Form verstanden werden, die es gibt. Zumindest meiner Meinung nach. Es geht hier nicht einfach um Drogen, Partys und Sex während der Studentenzeit. Vielmehr sind es Exzesse, Orgien, Verbrechen. Abgründe tun sich auf während des Lesens. Und die ganze Zeit kann man sich nur wünschen, dass Stella ihre Augen öffnet und begreift, was da mit ihr los ist.

„Carla schlüpft auf den Rücksitz. Zieht Stellas T-Shirt hoch. Sie beugt sich vor, um den Kristall von Stellas Brüsten zu lecken. Sie spürt die feuchte Zunge auf ihrer Brust. Ihr ist heiß, Ihre Brustwarzen werden hart, der Slip langsam feucht. Carla übergibt ihr den Kristall mit der Zunge. Stella ignoriert den bitteren Geschmack wie von Medizin, kämpft gegen den Brechreiz. Schluckt. Kalt. Heiß. Speichel. Körpersaft. Lust. Marco schiebt sich die Hand in die Hose.“
(Seite 50)

In die meisten Protagonisten, die mir in Büchern begegnen, kann ich mich ganz gut hineinversetzten. In den Fällen, wo mir das nicht möglich ist, kann ich ihre Handlungen meist aber dennoch irgendwie nachvollziehen. Bei diesem Buch war das nicht so. Ich hätte mich aber ehrlich gesagt auch gewundert, wenn ich mich mit Stella hätte identifizieren können. Wenn ich mich nicht sogar vor mir selbst erschrocken hätte, wenn ich zu dieser Einsicht gelangt wäre. Nun muss ich aber zugeben, dass all dies dennoch eine gewisse Wirkung auf mich hatte. Das Buch hat mich mit seiner Offenheit, Wucht, Eindringlichkeit, den geschilderten Abscheulichkeiten und den mehr als einmal überschrittenen Grenzen in einen Sog gerissen. Ich war regelrecht in einem Rausch, musste und wollte so schnell wie möglich die Seiten umblättern, auch wenn ich stellenweise schockiert und erschrocken war über das, was ich da grad gelesen habe. Oder vielleicht auch gerade deshalb? Fest steht, dass es mir nicht möglich war, mich Stellas Schicksal zu entreißen.

Die zu Papier gebrachten Worte sind wie Schüsse. Die Sprache ist abgehakt, schnell, direkt, gnadenlos, ehrlich. Wenn man dieses Buch lesen möchte, sollte man sich bewusst sein, dass es darin Dinge zu lesen gibt, die einem die Sprache verschlagen können. Und das ist nun keine positiv behaftete Redewendung meinerseits. Aber all das macht auch den Reiz von „Tu dir weh“ aus – man muss es eben nur „ertragen“ können.

„Sie spürt Haare, die in ihrem Hals stecken geblieben sind, und Spermatropfen auf den Lippen. Sie kommt sich vor wie eine abscheuliche Sexgöttin und liebt sich dafür, ekelt sie sich. Dann liebt sie sich wieder.“
(Seite 142)

Wenn ich mir so durchlese, was es über Ilaria Palomba als Person zu lesen gibt, könnte ich mir sogar vorstellen, dass dieses Buch evtl. einen Teil ihrer eigenen Erfahrungen als Studentin wiedergibt. Aber das ist bloß reine Spekulation meinerseits. Und selbst wenn es nicht ihre eigenen Erfahrungen sein sollten, hat sie für mich kein übertriebenes und unglaubwürdiges Szenario geschaffen. Auf mich wirkte das Gelesene trotz aller Unvorstellbarkeit bevor ich es las, durchaus lebensnah – zumindest was diesen Bereich der Gesellschaft angeht.

Man kann dieses Buch nicht im herkömmlichen Sinne mögen. Es ist eine Droge in Buchform, die 314 Seiten lang, oder sogar noch darüber hinaus, süchtig macht. Entweder man lässt sich darauf ein, begibt sich auf diesen Trip, oder man lässt es bleiben. Dazwischen gibt es nicht viel. Schwarz oder weiß. Up oder down.

„Er fährt den Rechner hoch, sucht Musik von den Narkotek und vollendet die Lines mit einer Karte. Stella zieht und legt sich auf das Sofa. Sie merkt, dass die Wirkung schwächer ist als am Vortag. Ihr fällt noch ein, dass sie drei Tage hintereinander Drogen genommen und zwischendurch ihrem Vater Sartre erklärt hat. ‚Vielleicht bin ich Wonder Woman‘.“
(Seite 184)

5 HerzenSaFi

 
 

3 Comments on “Tu dir weh [Rezension] – FSK 18!!!

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