[Rezension] Metamorphose am Rande des Himmels | Mathias Malzieu

5 Sep

1 Buch - 2 Meinungen

Metamorphose am Rande des Himmels - Mathias Malzieu

Metamorphose am Rande des Himmels – Mathias Malzieu

Titel: Metamorphose am Rande des Himmels
Autor: Mathias Malzieu

Seitenzahl: 160
ISBN: 978-3-570-58520-7
Verlag: carl’s books
Veröffentlichung: 26. August 2013
Leseprobe

Zum Inhalt:

Tom Cloudman, Hobby-Stuntman und Schausteller, hat seit seiner Kindheit nur eines im Kopf: Fliegen. Doch jeder Flugversuch endet mit einer Bruchlandung, gefolgt von einem Krankenhausbesuch. Dort stellt man eines Tages fest: Tom ist unheilbar an Krebs erkrankt. Nachts verwandelt sich das triste Krankenhaus dagegen in eine magische Welt: Er begegnet Endorphina, einem faszinierenden Mischwesen aus Vogel und Frau. Endorphina hat einen gewagten Rettungsplan für Tom: Sie kann ihn – wenn die Liebe zwischen ihnen stark genug ist – vom Tod befreien, indem sie ihn langsam in einen Vogel verwandelt. Tom lässt sich auf diesen bizarren Plan ein … (© carl’s books)

Meinung – SaCre:

Tom Cloudman als Protagonistin ist mehr als interessant: er ist der schlechteste Stuntman, den die Welt je gesehen hat, doch er braucht die Bestätigung anderer, um sich lebendig zu fühlen. Dass er damit jedes Mal sein Leben aufs Spiel setzt, steht auf einem anderen Blatt. Außerdem hat er eine „Normalitätsphobie“.
Eine wahnwitzige Idee, aufgrund derer er sich ein neues Gefährt gebaut hat, bringt ihn schließlich ins Krankenhaus. Und hier erhält er eine schockierende Botschaft.

„Ich heiße Tom >>Häma-Tom<< Cloudman. Man sagt, ich sei der schlechteste Stuntman aller Zeiten. Ganz falsch ist das nicht. Ich bin außergewöhnlich ungeschickt und laufe ständig überall gegen. Ich beneide die Vögel um ihre Freiheit, vielleicht schaue ich zu oft zu ihnen hoch.“ (Seite 9)

Was ich persönlich nicht erwartet hätte: dass der Autor uns hier mit einer Krankheit, die oft unheilbar ist und tödlich endet, auseinander setzt. Das konnte ich mir bei der Kurzbeschreibung gar nicht vorstellen. Doch die geheimnisvolle Endorphina bietet Tom einen Pakt an, mit dem er die Krankheit mit großer Wahrscheinlichkeit überleben kann.
Doch diese Krankheit spielt eine zentrale Rolle und so bekommt die Schwelle zwischen Himmel und Erde auch eine ganz andere Bedeutung.
Und so traurig das auch ist, schafft der Autor es immer wieder, dass man als Leser zwischendurch schmunzelt. Sei es dadurch, dass er die Krankheit mit einem Gemüse vergleicht und nur noch so benennt, oder dass man sich einfach den Pastor im Eichhörnchenkostüm vorstellt.

Mit dieser doch etwas abgedrehten Idee konnte der Autor mich allerdings packen. Wieder einmal hat er es geschafft, Worte in Bilder umzuwandeln und viele Metaphern geschickt einzusetzen. Das kann ihm so schnell keiner nachmachen. In seiner märchenhaften Sprache heißt es beispielsweise nicht „Lichtschalter anknipsen“, sondern „Der Lichtschalterdirigent lässt die Neonröhren explodieren, das Krankenhaus flammt auf wie eine elektrische Sonne“ (Seite 19). Welch anderer Autor schafft so etwas? Mir fällt da nur noch John Boyne ein…

Die Reise, auf die uns Malzieu hier mitnimmt, ist geprägt von Hochs und Tiefs: der Stuntman Tom ist erfolglos, doch er zaubert den Zuschauern durch seine Ungeschicktheit immer ein Lächeln aufs Gesicht. Im Krankenhaus kann man seine Niedergeschlagenheit merken. Doch zum Ende der Geschichte hin, kann er wieder den Leuten zu Aufmunterung verhelfen:

„Es ist ein schöner Anblick. Ein Kind, das durch eine schwere Krankheit zu früh erwachsen geworden ist, hat wieder Träume. Nichts anderes wollte Tom Cloudman erreichen.“ (Seite 126)

Bei diesem Buch passt einfach alles. Das Cover zeigt, dass es hier um ein Märchen für Erwachsene geht, und in welcher Beziehung Endorphina und Tom zueinander stehen. Die Aufmachung des Innenlebens, die Schrift, die thematisch passenden Großbuchstaben am Kapitelanfang.

Lediglich eine Frage konnte ich bis zum Ende nicht beantworten. Diese kam in unserer kleinen Lesegruppe öfter auf. Dafür, dass ich da jetzt auch noch keine Antwort drauf habe, gibt es einen ganz kleinen Abzug.
Ansonsten kann ich dieses Buch jedem empfehlen, der sich auf eine fantastische Welt einlassen kann und der sich auf eine Reise durch ein in Worten gefasstes Bilderbuch begeben möchte.

4,5

Meinung – SaFi:

Meine Vorfreude auf das neue Werk von Mathias Malzieu war riesengroß. Und so war ich hocherfreut, dass mich der Autor schon mit dem Vorwort emotional komplett eingefangen hat:

„Vögel werden im Himmel beerdigt. Noch die eleganteste Wolke ist voll von ihren starren kleinen Leichen. Es heißt, einer von 10 180 Regentropfen sei die Träne eines toten Vogels und eine von 16 474 Schneeflocken das Gespenst eines Vogels, der sich vom himmlischen Mutterkuchen gelöst hat.“

Mit Tom Cloudman präsentiert der französische Autor und Musiker einen Protagonisten, den ich sofort ins Herz geschlossen habe. Als „Ungeschicktester Stuntman aller Zeiten“ bekannt reist er von einem Ort zum anderen – in einem umgebauten, rollenden Sarg, den er blau angemalt und mit weißen Wolken verziert hat. Für die Zuschauer ist das mehr oder weniger unfreiwillige Fallen am Ende von Toms Vorstellungen das Highlight. Für ihn ist es aber der Moment davor, dem seine Leidenschaft gilt: der Moment, in dem er abhebt. Denn schon seit seinen Kindertagen beneidet er die Vögel um ihre Freiheit und sein größter Wunsch ist es, fliegen zu können.

„Ich gab mir große Mühe, mich anzupassen, flog aber überall im hohen Bogen raus. Selbst in der Zirkusschule: zu ungeschickt. Zwar begeisterte es die Jury, wie ich beim Trampolinspringen jedes Mal auf kunstvolle Weise neben dem Sprungtuch landete, aber man erklärte mir, ein Clown müsse tausendmal hinfallen können, ohne sich zu verletzen – und das gehörte leider nicht zu meinem Repertoire.“ (Seite 10/11)

Das ganz große Plus von Malzieu, das mir so bislang bei keinem anderen Autor untergekommen ist, sind seine Metaphern, die aus einfachen Worten Bilder entstehen lassen. In seinen Büchern stellt er den Leser vor die Herausforderung, sich diesen zu stellen, sie zu entschlüsseln und sich ihnen schlussendlich hinzugeben. Gelingt einem dieses Unterfangen, kommt man in den Genuss wunderbar poetischer Worte, die ihresgleichen suchen und auf mich während des Lesens eine ganz besondere Wirkung haben.

„Der Lichtschalterdirigent lässt die Neonröhren explodieren, das Krankenhaus flammt auf wie eine elektrische Sonne.“ (Seite 19)

In seinem neuesten Roman widmet sich der Autor einem ernsthaften Thema – dem Krebs. Und obwohl der Autor die Ernsthaftigkeit dieses Themas nicht unter den Tisch kehrt, wirkt das Buch nicht durchgängig beklemmend, da Malzieu sich durchaus ein wenig Humor leistet, der gut portioniert ist und dem Naturell von Tom >>Häma-Tom<< Cloudman entspricht.

„Heute gibt es zum Frühstück eine Spritze, Carpaccio von trockenem Brot und als Beilage bittere Pillen.“ (Seite 27)

„Metamorphose am Rande des Himmels“ ist für mich in vielerlei Hinsicht ein kleines Kunstwerk – nicht zuletzt wegen des wunderschönen Covers, das den Inhalt zwischen den Buchdeckeln perfekt widerspiegelt. Ich kann jedem wirklich nur empfehlen, die Grenzen des menschlichen Verstandes für einige Stunden zurückzuweisen, sich auf dieses moderne Märchen für Erwachsene einzulassen, und gemeinsam mit Tom vom Fliegen zu träumen.

5

4 Antworten to “[Rezension] Metamorphose am Rande des Himmels | Mathias Malzieu”

  1. Chimiko 5. September 2013 um 14:46 #

    Das habt ihr sehr schön ausgedrückt, ich stimme euch beiden zu 😀
    Freu mich schon drauf, die Rezension zu schreiben, auch wenn es nicht leicht ist, diese wunderbare Sprache in Worte zu fassen und zu beschreiben ♥

    Alles Liebe, Chimiko

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    • bookwives 5. September 2013 um 17:38 #

      Danke, liebe Chimiko. 🙂

      Du hast recht, es ist nicht leicht Malzieus wunderbare und besondere Wörter zu beschreiben…

      Wir freuen uns schon auf deine Rezi.

      LG, SaFi

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  1. [Let’s read together] Metamorphose am Rande des Himmels | Die Meinungen unserer Mitleser | Bookwives - 24. September 2013

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