[Blogtour] Making of | Katrin Rodeit

7 Okt

blogtour_rodeit

 

Die Krimis um Jule Flemming spielen in Ulm. Die Autorin Katrin Rodeit ist in dieser Stadt geboren worden und lebt heute mit ihrer Familie in der Nähe. Ich selber war noch nie in Ulm. Aber durch die Beschreibungen, die Katrin geliefert hat, konnte ich mich durch die Straßen wandeln sehen.

Katrin, war für dich schon immer klar, dass deine Krimis in Ulm spielen? Was hat ggfs den Ausschlag dazu gegeben? Viele Autoren schreiben sich ja doch in andere Orte, eine andere Welt.

Klar, Ulm kenne ich natürlich, Ulm ist meine Heimat. Man tut sich leichter, über etwas zu schreiben, das man kennt, als über etwas, das man nur von Besuchen kennt oder gar nur aus Beschreibungen. Das ist zunächst nicht so wichtig für den Leser. Aber für mich beim Schreiben. Denn nur so fühle ich mich sicher. Und genau diese Sicherheit merkt der Leser, auch wenn er nicht weiß, was sie ausmacht.
In dieser Ausführlichkeit war das auch nicht geplant. Ich wollte eigentlich keinen Regionalkrimi schreiben. Zumal mich der Begriff ein wenig ärgert. Niemand käme auf die Idee, Inge Löhnigs Dühnfort-Krimis als Regionalkrimi zu bezeichnen, obwohl sie in München spielen. Man liest die Krimis überall in Deutschland.
Wenn man allerdings einen „Regionalkrimi“ veröffentlicht, der nun ausgerechnet in Ulm spielt, dann hat man es schwer, in einer Buchhandlung zum Beispiel in Berlin oder Hamburg vertreten zu sein. Dann ist man beschränkt auf Ulm und Umgebung. Das finde ich schade. Ich lese selbst gern Bücher aus anderen Ecken Deutschlands, weil ich neugierig bin, wie es dort zugeht, was es zu entdecken gibt.
Vielleicht sollte ich einfach mal eine Stadt erfinden … J

Eine andere Welt ist es für mich trotzdem. Als ich anfing, den 2. Band zu schreiben, war es für mich wie ein Treffen mit alten Freunden. Ich habe mich sofort wohl und heimisch gefühlt, wusste, wie die einzelnen Charaktere reagieren. So gesehen war die „andere Welt“ für mich das Zusammentreffen mit meinen alten Bekannten.

Jule ist eine Ermittlerin, wie sie mir bisher noch nicht begegnet ist. Ihr Äußeres ist nicht unbedingt so, wie man es erwarten würde. Sie ist gepierct und tätowiert. Auch ihr Werdegang entspricht nicht dem herkömmlichen Weg.
Wie kam die Idee zu Jule? Hast du eine berühmte Persönlichkeit vor Augen gehabt, als du deine Protagonistin entworfen hast?

Ich wollte einfach mal mit einem Klischee brechen. Warum müssen solche Frauen immer toll aussehen, ständig perfekt gestylt sein, die Welt zu Füßen haben? Ganz einfach, weil das im wirklichen Leben auch nicht so ist. Da gibt es gepiercte und tätowierte Menschen, die nicht einen Bilderbuchwerdegang hingelegt haben, nicht immer ganz korrekt reden. Immer wieder kommt es vor, dass wir Steine in den Weg geworfen bekommen. Die Frage ist doch nicht, was diese Ereignisse sind, sondern vielmehr, wie wir damit umgehen und wie sie uns prägen. Für Jule gab es zwei einschneidende Erlebnisse im Leben. Das erste war der Mord an ihrem Vater, den sie miterleben musste. Das war der Grund für sie, Polizistin zu werden. Das zweite Ereignis war die enttäuschte Liebe zu ihrem Ex-Mann, bei dem sie Liebe und Zuflucht gesucht hat, und der sie so skrupellos betrogen hat. Da hat sie beschlossen, dass Männer in ihrem Leben keinen Platz mehr haben werden. So ist sie zu dem geworden, was sie heute ist. Eine Frau mit Ecken und Kanten, nicht immer ganz perfekt aber mit dem Herz am rechten Fleck. Da dürfen die Haare dann ruhig einmal abstehen und die Nase gepierct sein.

Sie konnte ja nicht ahnen, dass ihre Schöpferin Katrin hergeht und ausgerechnet an diesen zwei Ereignissen kräftig zu rütteln beginnt und Stück für Stück demontiert, was Jule sich aufgebaut hat. Die Fragen ist jetzt, wie sie damit umgehen wird.

Jule ist ein absoluter Kaffeejunkie. Das kommt mir nur allzu bekannt vor. Bei mir persönlich geht auch morgens ohne Kaffee nicht viel.

Bei mir auch nicht. 🙂 So gesehen gibt es schon gewisse Parallelen zwischen Jule und mir. Allerdings nicht überall. Nach dem Kaffee gibt es bei mir eine Kanne Tee, die bis zum Mittagessen ebenfalls leer ist.

(c) Katrin Rodeit

(c) Katrin Rodeit

Hast du dir ein ausführliches Personenregister angelegt (das finden wir ja auch in deinen Büchern)? Woher nimmst du die Inspiration für die Charaktere?

Jule gab es zuerst, klar. Auch Mark, die Eltern und die Lebensgeschichte waren schnell da. Die anderen Charaktere kamen nach und nach hinzu und haben der Geschichte einen passenden Rahmen gegeben. Ich habe festgestellt, dass die Leser Charaktere lieben, die ein wenig schräg sind, aber doch nicht so, dass sie nicht selbst diese Personen sein könnten. Ein bisschen vom Leben, ein bisschen Geheimnis, ein Tier und ein kleiner Junge, den jeder ins Herz schließt.

Eigentlich ist es nicht so schwer, solche Personen zu finden. Man muss nur die Augen offenhalten. Da gibt es so viel zu entdecken!

Wie entwickelte sich der Verlauf der Geschichte? Hast du den Rahmen zuerst geschrieben und dich dann von der Geschichte treiben lassen? Oder stand für dich nur das Ende fest?

Ich plane meine Geschichten ganz akribisch. Da steckt auch die Hauptarbeit drin. Erst wenn Szene für Szene geplant ist und genau feststeht, wann was passiert, ich also auch das Ende kenne, dann fange ich an zu schreiben.

Allerdings passiert es mir schon auch mal, dass mich meine Charaktere überraschen. Jule hat das getan im 2. Band. Von vorneherein hatte ich etwas ausgeschlossen, das ihr nicht passieren würde. Tja, und dann war ich beim Schreiben dieser Szene. Was soll ich sagen? Sie hat genau das getan, was ich ihr verboten hatte! In dem Fall war es nicht schlimm, weil es den Verlauf der Geschichte nicht großartig beeinflusst hat. Zumindest nicht so, dass ich sie gänzlich umschreiben musste. Also habe ich ihr lange Leine gelassen und sie ihren Willen durchsetzen lassen. Vermutlich ist das Jules Art von Rache. Immerhin gehe ich auch nicht gerade zimperlich mit ihr um.

Wie hast du dich über die Arbeit einer Detektivin bzw. der Polizei vorbereitet? Fleißig CSI geschaut? 🙂

Ich glaube, das Fernsehen ist ein schlechter Ratgeber. Denn dort werden nicht immer nur Wahrheiten verbreitet. Vielmehr wird die Wahrheit der Geschichte angepasst. Wahrheiten sind mitunter ziemlich langweilig, weil sie aus langweiligem Abarbeiten von Spuren besteht. Also muss man ein wenig straffen und zusammenfassen, ohne jedoch die Wirklichkeit zu verbiegen.

Zum Glück gibt es mittlerweile ausreichend Fachliteratur. Von Detektiven, von Polizisten oder Kriminalkommissaren, die Polizeiarbeit und Ermittlungen ausführlich beschreiben. Außerdem gibt es das Montsegur-Autorenforum. Dort tummeln sich Spezialisten aus sämtlichen Bereichen, die man sich vorstellen kann. Von Ärzten über Computerspezialisten, Tauchern oder Kletterern ist alles dabei. Da kann man unverblümt Fragen stellen, die auch gern beantwortet werden.

Wie außergewöhnlich Jule ist, kann man auch an ihrem Hobby sehen: sie singt. Ab und zu tritt sie im Jazz-Keller ihres Freundes Lou auf. In der Detektei, in der sie angestellt ist, weiß natürlich keiner davon. Musik spielt für Jule eine sehr große Rolle.
Wie hast du die besonderen Lieder für Jule gefunden? Haben diese für dich auch eine besondere Bedeutung?

Nein, eigentlich nicht. Das war Zufall. Ich liebe Musik! Sie kann unglaublich viel Gefühl transportieren. Mehr vielleicht als ein Buch, denn da gibt es nicht nur den Text, sondern auch die Melodie.

Natürlich versuche ich, etwas zu finden, das zum Buch, zur Geschichte passt. Bei „Mein wirst du sein“ hatte ich zunächst nur den Anhänger mit der Blume, den der Mörder seinen Opfern um den Hals legt. Dann habe ich überlegt, was es zu Mord mit Blumen an Musik gibt. Und da fiel mir „Where the wild roses grow“ ein. Dann wurde aus dem Blumenanhänger ein Rosenanhänger, Andreas wurde kurzerhand zum Duettpartner und dann hatte ich gleich noch einen Verdächtigen mehr. Das passte einfach zusammen. Es war wie bei einem Puzzle. Wenn man den Rahmen, der ja bekanntlich am Anfang am schwierigsten ist, geschafft hat, dann geht es immer leichter. Und dann fielen die Teile wie von selbst an die richtige Selle und fügten sich zu einem passenden, wunderbaren Bild zusammen, das gar nicht besser hätte sein können.

Auch für „Gefährlicher Rausch“ brauchte ich ein passendes Lied. Da Jule im ersten Band fast ihre Stimme verloren hat, habe ich mir überlegt, was ihr Musik eigentlich bedeutet. Was passiert wäre, hätte sie wirklich nicht mehr singen können. Bei „American Pie“ geht es darum, dass die Musik stirbt. Mit dem Tod Boddy Hollys soll auch die Musik gestorben sein. Auch Jule hat fast das Leben verloren, und für sie ist der Song der erste Weg zurück ins Leben.

Ich hoffe mir gelingt es, auch für die nächsten Bände passende Lieder zu finden. Das ist nämlich gar nicht so einfach …

Ich habe eine absolute Lieblingsstelle im Buch und würde dich bitten, diese zu kommentieren. Leon, der Junge der im gleichen Haus wohnt, bittet Jule um Hilfe.

“Ich setzte mich zu ihm und versuchte, mich gegen das Kommende zu wappnen. Es misslang.
Er stellte die mitgebrachte Tüte schwungvoll auf den Tisch. Es klimperte. Dann sah er mich an, und sein Gesicht drückte eine Ernsthaftigkeit aus, die ich einem so kleinen Kind nicht zugetraut hatte.
>>Das sind 13 Euro und 92 Cent.<< Das Sprechen kostete ihn sichtlich Überwindung. >>Und mehr habe ich nicht. Aber ich brauche deine Hilfe.<<
Na, das war aber jetzt eine Hausnummer.
>>Äh, ok. Was soll ich denn für dich tun?<<
>>Ich habe Probleme in der Schule.<<
Oh Gott, wer hatte die nicht? Ich erinnerte mich an meine eigene Schulzeit und schüttelte mich.
>>Hast du Stress mit einem Lehrer?<<
>>Einem Lehrer? Ach was. Es sind die anderen Jungs, die mir Schwierigkeiten machen.<< Seine Stimme war leise geworden, er sah auf den Tisch.
Ich schwieg, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Dann sah ich Tränen auf die hölzerne Tischplatte tropfen, langsam aber stetig.” (Seite 159)

Eine schöne Szene, weil ganz viel in ihr steckt. Da gibt es den kleinen Jungen Leon, mit dem eigentlich jeder Leser leidet, auch wenn er ein Herz aus Stein hat. Ich glaube, jeder kann nachvollziehen, wie es dem kleinen Zwerg geht. Der eine mehr, der andere weniger. Das Thema Mobbing hat aber sicher jeder schon einmal erlebt.

Und dann ist da Jule. Harte Privatdetektivin, die mit Kindern bisher eigentlich keine Berührungspunkte hatte, mit ihnen eigentlich nichts anzufangen weiß. Und dann steht der kleine Junge vor ihr und rüttelt an etwas aus ihrer Vergangenheit, das Jule verdrängt hat. Denn in Jules Kindheit gibt es durchaus Parallelen zu Leon.

Jule steckt in der Zwickmühle. Mit Kindern fängt sie nichts an, aber Leon fühlt sie sich auf eine besondere Art verbunden. Sie wird also versuchen, ihm zu helfen und dabei auch ein Stück sich selbst zu heilen. Das zu tun, wozu sie damals zu klein war. Auch weil sie niemanden hatte, der ihr aus ihrer Patsche herausgeholfen hat. Und das sollte bei Leon anders werden.

Viel Geld hat er natürlich nicht, aber Leon ist auch wichtig, dass er ernst genommen wird. Jule weiß, dass sie das Geld annehmen muss, sonst würde sie ihn verletzen. Auch wenn Leon sein ganzes Sparschwein dafür opfern musste. Und er verfügt sicher nicht über üppiges Taschengeld. Sie muss ihm jetzt also helfen, weil sie den Auftrag angenommen hat. Sie haben eine geschäftliche Beziehung.

Jule hilft Leon natürlich und findet in ihm einen neuen Freund. Sie geben ein sonderbares Gespann ab, der kleine Junge, der so viel sieht und hört, und die unabhängige, freiheitsliebende Privatdetektivin. Nur das Geld, das ist noch ein Problem für Jule. Sie will es Leon natürlich zurückgeben. Für einen kleinen Jungen sind 13 Euro und 92 Cent verdammt viel Geld. Aber sie kann es ihm auch nicht einfach so zustecken. Sie wird also einen Weg finden müssen, Leon das Geld zurückzugeben, ohne dass sie seine Gefühle verletzt. Aber wenn man Jule ein bisschen kennt, weiß man, dass sie es schafft 😉

Mein_wirst_du_sein_RLYngefährlicher rausch

Morgen geht es auf Claudias Bücherregal mit dem ersten Teil des Interviews weiter.

6 Antworten to “[Blogtour] Making of | Katrin Rodeit”

  1. karin 7. Oktober 2014 um 07:50 #

    Hallo und guten Morgen,

    bin gerade durch den Blog „Kastanien Leseecke“ auf diese Blogtour aufmerksam geworden.

    Den Gemeiner-Verlag ist mir persönlich ein Begriff durch seine vielen historischen Romane zum Beispiel Sebastian Thiel..Die Dirne vom Niederrhein.

    Habe gar nicht gewusst, dass es da auch regionale Krimis gibt.

    Interessante Stelle aus dem Buch „Gefährlicher Rausch“ die ich mir, da heute durchlesen konnte.

    Bin gespannt auf mehr..Danke für den Beitrag..LG..Karin..

    Gefällt 1 Person

    • bookwives 7. Oktober 2014 um 11:33 #

      Liebe Karin,

      wir freuen uns, dass du auf unseren Blog aufmerksam geworden bist! 🙂
      Und noch schöner, dass du etwas Neues entdecken konntest. Die Stelle ist aber aus „Mein wirst du sein“.

      Wir freuen uns, wenn du bei der Tour dabei bleibst und drücken dir dann für das Gewinnspiel die Daumen!

      Grüßly,
      SaCre

      Gefällt 1 Person

      • karin 7. Oktober 2014 um 12:36 #

        Ein weiterer Grund um am Buch, der Autorin und der Blogtour zu bleiben.

        Danke für die Aufklärung, hihi..LG..Karin..

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  2. Rana 7. Oktober 2014 um 12:05 #

    Ein sehr schönes Interview. Liebe Grüße an Euch Bookwives und natürlich auch an Katrin!

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  3. Katrin 7. Oktober 2014 um 13:48 #

    Wie schön, dass Euch die Beiträge gefallen! Ich drücke die Daumen für’s Gewinnspiel!

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Kommentare? Immer her damit! :-)

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