Vox – Christina Dalcher | Rezension

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100 Wörter – mehr dürfen die Frauen Amerikas pro Tag nicht reden. Sie tragen ein Armband, einen Wörterzähler, der aufzeigt, wie viele Wörter sie bereits verbraucht haben. Überschreiten sie die einhundert, folgt eine Bestrafung.

Jean war eine angesehene Wissenschaftlerin. Bis zu dem Zeitpunkt, als das Gesetz in Kraft trat und sie ihren Job nicht mehr ausüben konnte. Wie alle anderen Frauen, ist sie nun Hausfrau. Bei den gemeinsamen Abendessen unterhalten sich ihr Mann und ihre beiden Söhne munter, während Mutter und Tochter stumm daneben sitzen. Zu kostbar ist jedes einzelne Wort. Denn trotz allem muss ein „Ich liebe dich“ für die…

[STOPP! Genau mit „die“ habe ich meine einhundert Worte aufgebraucht. Schaut euch das mal an. Das ist nicht viel. Oder? Könntet ihr damit einen Tag lang hinkommen? Ich auf keinen Fall!
Da wir uns glücklicherweise nicht in der Situation befinden, kann ich nun mit meiner Rezension weitermachen.]

…Kleinste abends möglich sein.

Jean versucht mit allen Mitteln, sich gegen die Regeln zu wehren. Doch das ist aus vielen Gründen nicht einfach. Einer davon ist ihr Ehemann Patrick: würde er zu ihr stehen, wenn es um Alles geht, oder kann sie ihm nicht vollständig vertrauen?

„Heute Abend beim Essen, bevor ich meine letzten Silben des Tages äußere, tippt Patrick auf das silbrige Gerät an meinem linken Handgelenk, als wolle er meinen Schmerz teilen oder mich vielleicht daran erinnern, stumm zu bleiben, bis das Zählwerk um Mitternacht zurückgesetzt wird. Dieses magische Ereignis wird geschehen, während ich schlafe, und ich werde den Dienstag mit einem leeren Display beginnen. Das Zählwerk meiner Tochter Sonia wird dasselbe tun.
Meine Söhne tragen keine Wortzähler.“ (Seite 13)

Von dem Buch habe ich im Vorfeld sehr viel gehört und meine Neugier war geweckt. Das Thema ist wirklich brisant und aktuell. Man denke nur an die #metoo Bewegung, den Women’s March und so weiter.
Der Einstieg in die Story gelang mir recht schnell und ich war von Beginn an die Seiten gefesselt. Immer wieder habe ich mich gefragt, inwieweit eine solche Zensur wohl möglich wäre und auch schon stattfindet?
Den Frauen wurde nicht nur die Stimme genommen. Ihre Gelder gingen auf die Konten der Männer über, Pässe wurden eingezogen.

„Das Böse triumphiert, wenn gute Menschen nichts tun. So heißt es doch, oder?“ (Seite 221)

Welche Auswirkungen diese Wortzähler auf Familien haben, wurde sehr erschreckend dargestellt. Nicht nur, dass Jean und Sonia nicht kommunizieren können. Die beiden Jungs, in der Pubertät und damit in einem „formbaren“ Alter, übernehmen natürlich das Vorgelebte. Wie sollen sie Frauen respektieren und als gleichwertig empfinden, wenn diese im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu sagen haben?

Der Mittelteil der Geschichte war vom Verlauf her wirklich spannend. Doch irgendwie ging die Erzählkraft, die am Anfang noch so strahlte, für mich etwas verloren.
Das wurde am Buchende leider nicht besser. Im Gegenteil: der Schluss war für mich schwach. Für mich war das Ende zu schnell aufgelöst. Es hat mich mit einigen Fragezeichen zurückgelassen. Was war da los? Hat ein Lektor der Autorin die Seiten gekürzt? Schade, denn ich hatte große Hoffnungen in die Auflösung.

„Vox“ von Christina Dalcher ist eine Dystopie mit einem starken Anfang, die aber im Laufe der Geschichte leider einige Schwächen in der Umsetzung zeigt.
Trotz allem bietet das Buch jede Menge Diskussionsstoff und zeigt uns auf, wie groß die Macht der Stimme ist und das es wichtig ist, für unsere Meinung einzustehen und diese auch öffentlich zu vertreten. Wenn wir uns bloß passiv verhalten und immer „die anderen machen lassen“ (sei es, nicht wählen zu gehen oder bei Demonstrationen lieber zuhause zu bleiben, auch wenn das Thema uns wichtig erscheint), müssen wir damit rechnen, dass die Konsequenzen uns nicht gefallen könnten. Jede Stimme zählt!

„Meine Schuld begann vor zwei Jahrzehnten, als ich zum ersten Mal nicht zur Wahl ging, die unzähligen Male, an denen ich Jackie damit abwimmelte, ich hätte zu viel zu tun, um an einer ihrer Demos teilzunehmen oder Plakate zu basteln oder meinen Kongressabgeordneten anzurufen.“ (Seite 253)

Provokativ und nachdenklich stimmend.

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Daten zum Buch:
Vox Christina Dalcher
Titel: Vox
Autor: Christina Dalcher
Originaltitel: Vox
Übersetzung: Marion Balkenhol, Susanne Aeckerle
Verlag und Bildrechte: S. Fischer Verlage
Seitenanzahl: 400
Veröffentlichung: 15.8.2018
Ausführung: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-10-397407-2
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Danke an Netgalley Deutschland und S. Fischer für das digitale Rezensionsexemplar.

* Hinweis:
Hierbei handelt es sich um einen Affiliate-Link. Das heißt, ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr über diesen Link ein Produkt kauft. Keine Sorge: Das Produkt wird dadurch nicht teurer!

8 Comments on “Vox – Christina Dalcher | Rezension

  1. Hallo Sabrina,
    hey, der Blog ist wieder online. Wie schön. Auch wenn ich sonst eher eine stille Leserin bin, habe ich bei dir immer gerne geschmökert.
    Wie schade, dass dich das Buch nicht so richtig überzeugen konnte. Gerade, wenn das Ende nicht stimmig ist, versaut das oftmals den ganzen Eindruck vom Buch.
    Eigentlich wollte ich die Geschichte auch gerne lesen. Jetzt bin ich mir allerdings nicht mehr sicher.

    Gruß, Nina

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    • Hallo Nina!
      Danke für deinen lieben Kommentar! <3 Ich hoffe, du wirst hier auch in Zukunft gerne weiterschmökern.
      Es gibt sehr viele sehr positive Stimmen zum Buch. Vielleicht gibst du ihm eine Chance? Das Thema ist wichtig und geht uns alle an.

      Grüße, Sabrina

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  2. Eine schöne Rezension, der ich zustimmen möchte. Sie hat sich leider ziemlich verzettelt. Trotz des spannenden Thema ist die Umsetzung nicht besonders gut gelungen.

    Danke für die Verlinkung und liebe Grüße,
    Mona

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  3. Huhu meine Liebe, dieses Buch hat bei mir auch wahre Begeisterungsstürme verursacht. Ich saß am Anfang ständig ungläubig da und wollte den Männern im Buch am liebsten ins Gesicht schreien.
    Ich glaube, es ist am Ende nur nicht mehr so wuchtig, weil sich gewisse Umstände für Jean ja ändern und sie daher nicht mehr ständig so stark eingeschränkt ist wie zu Beginn.

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    • Hallo Liebes!

      Jaaaaa, das mit dem Schreien kommt mir bekannt vor. Stell dir mal vor, du hättest so ein Abendessen?! Und das JEDEN TAG! Ufff….
      Hmm, vielleicht. Es hat mich einfach enttäuscht. Sehr schade.

      Liebste Grüße! :-*

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