{Abgebrochen} Der Turm der Welt | Benjamin Monferat

26 Okt

der-turm-der-welt

Autor: Benjamin Montferat
Titel: Der Turm der Welt
Seiten: 04 Seiten
ISBN: 9783805250931
Verlag: Wunderlich
Veröffentlichung: 26. August 2016
Leseprobe
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Das Trottoir war belebt zu dieser Stunde des Abends. Im Grunde zu jeder Tageszeit, doch am Abend tauchten die Laternen den Boulevard de Clichy in ein ganz eigenes Licht, das weder vollständig dem Tag noch vollständig der Nacht angehörte. Eine Atmosphäre des Vagen, des Ungefähren, des im wahrsten Sinne des Wortes Zwielichtigen –  und ein Teil dessen, was die Straßenzüge an den Hängen des Montmatre ausmachte. (Seite 61)

Zum Inhalt:
Die Handlung spielt in den letzten Tagen der Exposition Universelle im Jahre 1889 in Paris in einem Zeitraum von 60 Stunden.
Ich habe den Roman auf Seite 245 abgebrochen, das entspricht etwas mehr, als einem Drittel des Buchs, aber ich sehe mich noch immer nicht in der Lage, etwas zum eigentlichen Inhalt zu sagen.
Das Problem dieses Romans ist die Masse der Dinge, die gegen Ende miteinander verwoben werden wollen. Laut anderer Rezensionen gelingt dem Autor das Kunststück, und dieses Wissen hat mich relativ lange am Ball bleiben lassen.
Da so viele Handlungsstränge parallel zueinander entstehen, entwickelt sich jeder einzelne Strang enorm langsam, hinzu kommt eine gewisse Langatmigkeit, die alles weiter ausbremst.
Sicher sagen kann ich, dass es um die Weltausstellung in Paris geht und um politische Machenschaften, die rund um den damals neu errichteten Eiffelturm in die Wege geleitet werden sollen.
Ausgangspunkt hierfür ist eine namenlose Bedrohung, die durch zwei ermordete französische Geheimdienstmitarbeiter angedeutet wird. Daraufhin werden zwei andere Ermittler auf den Fall angesetzt. Ein recht unerfahrener Agent, zusammen mit einem ausgedienten Mann, der früher ein Großer in der Branche war, heute aber ein Alkoholproblem hat.
Der britische Thronfolger reist mit zwei ausgewählten Vertrauten ebenfalls nach Frankreich um einem drohenden Skandal in London zu entgehen. Er kommt in einem Hotel unter, deren Inhaberin von Geldsorgen geplagt wird.
Des Weiteren spielt eine französische Kurtisane eine Rolle, die zur Spionin werden soll; ein ehrgeiziger Fotograf, der eben diese Kurtisane für sich gewinnen will und deshalb Grenzen zur Illegalität überschreitet; ein preußischer Abgesandter, der nicht nur auf dem politischen Parkett mitmischen soll, sondern auch private Gründe hat, in Frankreich Erkundigungen einzuziehen; ferner eine französische Adelige, deren Tochter und Nichte, sowie unüberschaubar viele Angestellte, Mittelsmänner, Auftraggeber, …

Das Buch ist so aufgebaut, dass relativ kurze Kapitel sich immer einer dieser Hauptpersonen widmen, die Handlung dort ein kleines Stück vorantreiben und dann zum nächsten Protagonisten wechseln.
Erzählt wird dabei chronologisch, die jeweilige Abschnittsüberschrift gibt dabei nicht nur Ort und Zeit an, sondern stellt eine Art Countdown zum großen Finale dar.
Zum Beispiel:
Zündung in 48 Stunden, 15 Minuten
Exposition Universelle, Galerie des Machines, Paris, 7. Arrondissement – 29. Oktober 1889, 23:45 Uhr

Meine Meinung:
Das einführende Zitat habe ich aus gutem Grund gewählt – es gibt perfekt all das wieder, was mir an diesem Buch gefällt. Und leider auch stört.
Die Sprache ist beinahe poetisch, schöne Worte lassen das Paris des 19. Jahrhunderts vor dem Auge des Lesers entstehen, die Protagonisten werden lebendig – und verharren sodann in lähmender Langsamkeit, denn die Geschichte selbst entwickelt sich enervierend schleppend.
Durch die ausufernden Beschreibungen wird das Erzähltempo nicht nur ausgebremst, ich hatte häufig das Gefühl, es kommt vollständig zum Erliegen.
Bezeichnend ist, dass ich problemlos einige hundert Seiten überspringen und trotzdem in die Geschichte wieder einsteigen konnte. Als ich oben schrieb, ich habe auf Seite 245 abgebrochen, war das zwar einerseits zutreffend, andererseits wollte ich jedoch wissen, ob der Autor es tatsächlich schaffte, die einzelnen Handlungsstränge miteinander zu verflechten. Also blätterte ich gute 300 Seiten vor und bin rund einhundert Seiten vor dem Ende wieder eingestiegen.
Was ich nach den paar Seiten, die ich dort gelesen habe, sagen kann, ist: Ja, das gelingt Benjamin Monferat in der Tat.
Und zwar so virtuos, dass ich es noch mehr bedauert habe, mich mit diesem Roman einfach nicht anfreunden zu können. Ich wollte dieses Buch lieben. Vergeblich.
Der Klappentext, die grundsätzlich spannungsversprechenden Handlungsstränge, die auf den ersten 200 Seiten angelegt wurden, die prinzipiell wunderschöne Sprache und die Atmosphäre des Paris der damaligen Zeit – all das war so vielversprechend und doch kam ich trotz mehrerer Anläufe nicht in das Buch hinein.

Ich glaube, mir hat es noch nie so leidgetan, ein Buch nicht zu lesen.
Dieser ausufernde Stil trifft einfach nicht meinen Lesegeschmack.
Ein Beispiel:
Um beim einleitenden Zitat zu bleiben: »… ein ganz eigenes Licht, das weder vollständig dem Tag noch vollständig der Nacht angehörte«, ist eine so gelungene Formulierung, die ich als Leserin geliebt und bewundert habe. Die folgende Erklärung für das Bild habe ich nicht mehr benötigt; sie schwächt in meinen Augen das vorher Geschaffene sogar.
Derlei Beispiele gibt es viele. Zu viele, um mich dauerhaft an das Buch zu fesseln, das immerhin rund 700 Seiten hat. So viel Durchhaltevermögen konnte ich nicht aufbringen. 

Kleine Randbemerkung: »Zwielicht« scheint übrigens das Lieblingswort des Autors zu sein. Hätte ich die eBook-Ausgabe, würde ich mir den Spaß gönnen und mal suchen lassen, wie häufig »Zwielicht« oder »zwielichtig« in dem Roman erwähnt wird. Sobald es dämmert, gefühlt auf jeder zweiten Seite.

Die Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet. Gedanken und innere Konflikte erfährt der Leser direkt, da die Perspektive von Abschnitt zu Abschnitt wechselt und jeweils subjektiv an demjenigen Protagonisten klebt, der aktuell im Mittelpunkt steht. So erkennt man als Leser recht schnell die jeweiligen Ziele. Daraus ergeben sich nachvollziehbare Handlungsmotive mit unterschiedlichen Verhaltensmustern.
Durch die Vielzahl der Protagonisten und weil die Abschnitte recht kurz sind, die sich mit einer Person befassen, bevor zur nächsten Figur gesprungen wird, ist es nicht einfach, sich tief in den jeweiligen Charakter hineinzudenken oder gar hineinzufühlen. Erst allmählich gelang es mir, Sympathien für einige Handelnde zu entwickeln, andere blieben mir bis zum Zeitpunkt des Abbruchs relativ gleichgültig. Hier hätten etwas längere Abschnitte vielleicht eine stärkere Identifikationsmöglichkeit eröffnet.

Der Autor hat sich in das damalige Zeitgeschehen gut hineinversetzt. Angesichts einiger Parallelen zur heutigen Zeit, trafen mich einige Sätze mitten ins Herz. Das Manuskript zu diesem Roman entstand vor den Anschlägen vom 13. November 2015 in Paris, in seinem Nachwort geht der Autor jedoch darauf ein.

Sätze wie diese – im Roman geäußert von einem Mitarbeiter des französischen Geheimdiensts – haben mich tief bewegt, denn sie zeigen, wie fragil der Frieden damals war und wie zerbrechlich er womöglich auch heute noch ist, denn dieser Satz passt leider so gut in die damalige, wie in die heutige Zeit:
»Was wird passieren, wenn bekannt wird, was im Herzen der Weltausstellung geschehen ist? Wenn die Menschen begreifen, dass wir weder wissen, wer dafür verantwortlich ist, noch garantieren können, dass Ähnliches und weit Schlimmeres nicht wieder geschieht? […] Wie werden unsere Besucher reagieren, wenn ihnen plötzlich aufgeht, dass nicht der freundliche und friedliche Nachbar das Zimmer nebenan im Hotel bewohnt, sondern der Feind?« (Seite 135)

Fazit:
Dieses Buch ist gleichzeitig genial und unglaublich zäh zu lesen.
Ich konnte nach mehr als einem Drittel des Buches noch immer nicht genau sagen, um was es geht, weil derartig viel gleichzeitig behandelt wird, dass der einzelne Handlungsstrang einfach nicht vorangetrieben wird. Unübersichtlich viele Menschen spielen eine Rolle, deren jeweiliges Schicksal mir in den meisten Fällen aber relativ egal ist, weil ich keine Empathie für derartig viele Menschen empfinden kann, die mir im gesamten ersten Drittel des Buches nicht nahegebracht wurden.
Dennoch habe ich recht lange durchgehalten und das Buch doch jeden Tag wieder zur Hand genommen – weil es auch vieles richtig macht. Ich denke, es kann ein hervorragendes Buch sein, sofern man Gefallen an dem ausschweifenden Stil findet.
Ich wollte diesen Roman lieben und habe es nicht geschafft, aber ich würde jeden Leser verstehen, der sich von der Lektüre begeistern lässt.

Rana

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