{Rezension} Neuntöter für Greetsiel (Jan de Fries 4) | Dirk Trost

14 Nov

Autor: Dirk Trost
Titel:
Neuntöter für Greetsiel (Jan de Fries 4)
ISBN: 978-1542048705
Seitenanzahl: 494 Seiten
Verlag: Edition M
Veröffentlichung: 19. September 2017
>>Leseprobe<<

 

„Mit einem letzten Blubbern erstarb der Dieselmotor der Sirius. Schlagartig war es gespenstisch still. Es waren weder Möwen zu hören, die bei dem Schietwetter auch lieber an Land geblieben waren, noch ein Wellenschlag, denn die graue Oberfläche der Nordsee war an diesem Morgen spiegelglatt.“ (Seite 11)

 

Zum Inhalt:

Rechtsanwalt Jan de Fries stößt zusammen mit seinem Freund Uz auf zwei Kutter, deren Besatzung tot im Mannschaftsraum sitzt. Die einzige Überlebende wird schnell zur Hauptverdächtigen und gleichzeitig zu Jans Mandantin. Als Jan überfallen und kurze Zeit später eine weitere Tote gefunden wird, nimmt der Anwalt die Ermittlungen auf.

 

Meine Meinung:

Ich schreibe ungern negative Kritiken. Zu sehr ist mir bewusst, wie viel Arbeit in jedem Manuskript steckt und darüber hinaus: Geschmäcker sind verschieden. Was meinen Lesegeschmack nicht trifft, kann dem Nächsten gut gefallen.
Allein – hier geht es nicht um Lesegeschmack, hier geht es um einen Schreibstil, der in seiner Unbeholfenheit seinesgleichen sucht.
Ich habe fassungslos auf unzählige Textstellen geblickt und mich gefragt, ob es wirklich schriftstellerisches Unvermögen oder Absicht ist und der Autor mich schlicht veralbern will.

Doch zunächst zum Positiven, denn auch das gibt es: Dirk Trost fängt die Atmosphäre der herbstlichen Nordseeküste perfekt ein. Das Schietwetter, der Nebel, die feuchte Kälte. Wer einmal einen solchen Tag erlebt hat, fühlt sich sofort wieder in diese kühle Suppe hineinversetzt.
Die Handlung spielt in Greetsiel und Umgebung. Ich habe bereits zweimal in der Nachbarschaft Urlaub gemacht, und kann  mich zwar nicht gut genug erinnern, um zu sagen, ob die Beschreibungen von Straßen und Örtlichkeiten zutreffend sind, doch die Landschaftsdarstellung an sich ist gut gelungen.
Auch die  Figuren sind charakterlich unterscheidbar und so gezeichnet, dass man sich als Leser ein Bild von ihnen machen kann.
Außerdem schafft es der Autor, den Spannungsbogen hochzuhalten. Es ist eine Leistung, fast 500 Seiten so zu füllen, dass kein Leerlauf entsteht, doch Dirk Trost gelingt das.

Nach alldem rede ich einleitend von „negativer Kritik“?
Ja, denn nun folgt das ‚Aber‘. Und dieses ‚Aber‘ ist so gewaltig, dass es den Roman in meinen Augen insgesamt unter den Strich zieht.
Denn es reicht nicht, eine gute Geschichte zu erzählen, wenn sie sprachlicher Murks ist.
Ein guter Stil macht aus einer schlechten Geschichte keine gute, aber umgekehrt kann eine gute Geschichte mit schlechtem Stil zerstört werden.
Und leider ist das hier der Fall.

Der Leser findet eine bedauerliche Anhäufung von inhaltlichen Redundanzen, Wortwiederholungen und Formulierungen, die nahezu gleichlautend nur wenige Zeilen später erneut auftauchen.
Und das ist einer Menge, die mich hat verzweifeln lassen. Anfangs habe ich die negativen Highlights noch für die Rezension markiert, mich später darauf beschränkt, augenrollend zu seufzen, und irgendwann hatte ich den Punkt erreicht, an dem ich nur noch gelacht habe.

Ich kann gar nicht sagen, wie häufig die Sahne im aromatischen Ostfriesentee mit Kluntje Wölkchen bildete, sich Freundin Anna an Jan schmiegt, vom „alten Muschelfischer“ die Rede ist oder herausgestellt wird, wie einsilbig der Ostfriese ist.

Eine kleine Auswahl der Wiederholungen präsentiere ich hier:

„Die Geschichte der Frau mit den jadegrünen Augen und Neuntöters war die eine Geschichte.“ (Seite 493)

„Aufmerksam blickten wir uns in alle Richtungen um, während wir in Richtung Remise gingen.“ (Seite 269)

„Mit Genuss spießte sie einen ordentlichen Happen von dem Matjes auf ihre Gabel und hielt den Bissen genießerisch hoch.
„Mm!“, machte sie und verdrehte genussvoll die Augen.“ (Seite 281)

Keine Wortwiederholung, aber eine meiner Lieblingsredundanzen:

„Zeit für einen spontanen Abstecher, den ich nicht geplant hatte.“ (Seite 248)

Ein anschauliches Beispiel für wiederkehrende Formulierungen findet sich auf Seite 116:

„Aber eine solche Zeitspanne schien mir auch für den schweigsamsten Ostfriesen als ziemlich ausgedehnt.“
[Dann 5 Zeilen darunter:]
„Diese Zeitspanne erschien mir selbst für Uz eine ziemlich lange Zeit des Schweigens zu sein.“

Liebes Lektorat – so etwas muss doch auffallen!
Was ich hier zitiere, sind wenige Stellen aus einer Vielzahl. Das ist kein Ausrutscher mehr, der vermutlich jedem Autor irgendwann ein- oder zweimal pro Manuskript passiert. Das zieht sich durch das gesamte Buch.
Kurzum: Es hat mir den Lesegenuss verleidet.

Dass auch inhaltliche Fehler hinzukommen, rundet das leider eher schlechte Bild ab. Wie kann ein angeblich erfolgreicher Strafverteidiger hilflos daneben stehen und zulassen, dass sich seine Mandantin um Kopf und Kragen redet? Wie kann er ihr eine Einlassung gestatten, ohne die Angelegenheit vorher mit ihr besprochen zu haben und vor allem – ohne die einzelnen Untersuchungsergebnisse abzuwarten? Wieso jammert Jan de Fries, wie belastend er in seiner aktiven Zeit als Strafverteidiger die Aufenthalte in der Rechtsmedizin fand, wo doch ein Verteidiger gar kein Anwesenheitsrecht (und schon gar keine Anwesenheitspflicht) hat?

 

Fazit:

Nur für Leser mit Hornhaut auf dem Sprachempfinden, die über andauernde Wiederholungen und inhaltliche Fehler zugunsten einer im Kern spannenden Geschichte hinweglesen können.

Rana

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