[Rezension] Verdammt gute Nächte | Kathrin Schrocke

21 Feb

1 Buch - 2 MeinungenVerdammt gute Nächte_Artikelbild

Titel: Verdammt gute Nächte
Autor: Kathrin Schrocke
Seitenzahl: 208
Verlag: Sauerländer
ISBN: 978-3-7373-6713-4
Veröffentlichung: 20. Februar 2014
Leseprobe
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Zum Inhalt:

Seit wann muss Liebe einen Sinn ergeben?
Jojo ist 15 und zählt zu den einsamsten Geschöpfen auf diesem Planeten. Sein Freund Michael steht auf schlechte Pornos, sein Freund Sushi ist ein adoptierter Japaner und Musterschüler, und seine erste große Liebe Lilli ist – seit einem Monat mit Michael zusammen. Dann taucht plötzlich Puma auf. Sie ist hübsch, cool, witzig und fährt einen roten Alfa Romeo Spider. Aber das Wichtigste ist: Sie nimmt ihn ernst. Die Sache hat nur einen Haken: Puma ist doppelt so alt wie er … (Quelle: http://www.fischerverlage.de)

Meinung SaCre:

„Was bitte hatte das mit den Infos aus dem Aufklärungsunterricht zu tun? Es musste irgendwo noch stinknormalen Sex geben. Ein Mann, eine Frau. Ein multipler Orgasmus.“ (Seite 11)

Es ist ein heikles Thema, mit dem die Autorin Kathrin Schrocke sich hier auseinandersetzt. 

Jojo mit seinen knapp 16 Jahren hat Probleme, wie Jugendliche sie heute haben. Er ist noch Jungfrau. Und die Jungs reden ganz schön viel über Sex. Michael besonders; für ihn scheint es nur um Pornos, nackte Frauen und Geschlechtsverkehr zu gehen.
Von Anfang an hatte ich das Gefühl, dass Jojo sich etwas unter Druck gesetzt fühlt. Und als ihm immer wieder die Gedanken an Sex kommen, ist er damit etwas überfordert.
Als Puma, die Freundin seiner Mutter bei ihnen einzieht, beginnt der Jugendliche immer mehr an sie zu denken, und weniger an die Mädels in seinem Alter. Dieser Prozess ist schleichend und von der Autorin gut dargestellt.
Sushi, der andere beste Freund von Jojo, ist da anders. Er ist von Natur aus eher zurückhaltend. Und er sieht Jojos Schwärmereien für Puma von Anfang an kritisch. Er versucht sogar, ihm das auszureden. Während Michael Jojo in alter Draufgängermanier nur noch weiter anstachelt.

Überhaupt hat die Geschichte mich mit realistischen Charakteren und Dialogen überzeugen können. Das Herangehen der Autorin ist relativ sensibel. Die Eltern von Jojo hat sie sehr hilflos gezeichnet. Da habe ich mich gefragt, ob die Eltern im wahren Leben sich ebenso dieser Hilflosigkeit hingeben würden. Doch das kann ich mir persönlich nicht vorstellen.

„>>Das ist strafbar!<<, wiederholte Sushi. Er schien gerade eine Art juristisches Tourettesyndrom zu entwickeln.“ (Seite 138)

Es gibt eine große Schlüsselszene im Verlauf der Geschichte. Und hier komme ich wirklich ins Grübeln, ob das tatsächlich für 14jährige geeignet ist. Wir haben viel und kontrovers über diese Szene diskutiert und wie die Geschichte danach weiter läuft. Aber kann die Zielgruppe das tatsächlich auch so umsetzen? Ich muss ehrlich sagen, dass ich das bezweifle. Von daher sehe ich die Einstufung der Altersempfehlung als kritisch. Ich würde das Buch keinem unter 16 Jahren empfehlen.

Für mich hat die Autorin das Thema gut behandelt. Sie erzählt hier eine interessante Geschichte, die jede Menge Stoff zum Diskutieren gibt. Um ehrlich zu sein, habe ich im Voraus mit etwas mehr sexuellen Handlungen gerechnet. Ich bin aber sehr froh, dass das nicht so eingetroffen ist!
Die Story ist gut erzählt, auch das Dilemma, in dem Jojo steckt, wurde mir gut vermittelt. Was ich von dem Ende halten soll, weiß ich auch immer noch nicht so richtig. Das wird wohl auch noch eine Weile dauern.

Ich überlege auch gerade, wie ich meine Empfehlung formulieren soll. Wem kann ich dieses Buch, das mir gut gefallen hat, empfehlen? Und warum kann ich es empfehlen? Schwierig. Es ist nicht unbedingt als „leichte Kost“ zu betiteln. Und auch nicht für unter 16jährige – eine gewisse Reife sollte der (jugendliche) Leser schon haben. Und Eltern? Hm, wollen die wirklich solch ein Szenario vor Augen haben? Ich bin kinderlos, Anfang 30, mir hat es gefallen – jetzt dürft ihr euch daraus was zusammen basteln. 🙂

Ich gebe der Autorin für ihr Werk 4,5 Herzen!

„Ich wollte wissen, warum sie ihren Mann verlassen hatte.
Ich wollte wissen, was sie beruflich machte.
Ich wollte wissen, warum sie so ein teures Auto fuhr.
Ich wollte wissen, weshalb sie ständig diese uralten T-Shirts aus dem letzten Jahrhundert trug, anstatt sich Klamotten für Frauen ihres Alters zu kaufen.
Ich wollte wissen, warum sie an einem Samstagabend mit mir in der Küche eines alten Forsthauses saß und gemeinsam mit mir kochte.“ (Seite 62)

4,5

Meinung SaFi:

Vor dem Lesen hatte ich eigentlich keine richtige Ahnung, was mich in diesem Buch erwarten würde. Der Inhalt klang für mich sehr interessant und ich war gespannt, wie Kathrin Schrocke dieses brisante Thema umsetzen würde. Nach dem Lesen bleibe ich leider zwiegespalten zurück. Während der ersten Hälfte des Buches war meine Lesewelt noch in Ordnung und ich genoss den tollen Stil der Autorin und die Geschichte, die sie zu Papier gebracht hat. Doch dann kam die Wende – mit einem großen Knall. In der Geschichte und auch bei meinem Lesegefühl. Ich möchte zwar nicht sagen, dass ich schockiert gewesen bin, aber mein Gemütszustand kam da schon recht nah dran.

„Ich sehnte mich nach jemandem. Nach jemandem, dem ich etwas bedeutete. Der mir etwas bedeutete.“ (Seite 14)

Zuerst lernt man Jojo, seine Freunde, Familie, Gedanken und Probleme kennen. Jojos Charakter ist toll gezeichnet. Man merkt ziemlich deutlich, dass ihm was fehlt. Und auch, was ihm fehlt. Seine Sehnsucht nach Geborgenheit, Liebe und Aufmerksamkeit ist die ganze Zeit über mehr als greifbar. Auch, wenn Jojo das nur dem Leser erzählt. Seine Eltern und Freunde scheinen nicht zu ahnen, was in ihm vorgeht, da er nach außen hin wie der typische, 15-jährige Junge wirkt. Über sein wahres Seelenleben weiß nicht mal er so wirklich Bescheid, hatte ich manchmal das Gefühl. Doch dann trifft er auf Puma. Und mit einem Mal wird ihm klar, was er will: Puma.

Die Erwachsenen in „Verdammt gute Nächte“ haben mich größtenteils den Kopf schütteln lassen – immer wieder. Jojos Eltern wirkten auf mich lustlos, sich mit der Thematik/Problematik beschäftigen zu wollen, nachdem sie davon erfahren haben. Anfangs dachte ich noch, dass sie vielleicht nicht wissen, wie sie mit ihrer Hilflosigkeit umgehen sollen. Doch gegen Schluss des Buches verbannte ich diesen Gedanken aus meinem Kopf. Gerade das Verhalten von Jojos Mutter konnte ich nicht mal ansatzweise nachvollziehen. Pumas Verhaltensweise bleibt da außen vor, da ich über sie leider viel zu wenig erfahren habe, um eine konkret begründete Meinung von ihr haben zu können. Mal abgesehen davon, dass sich eine erwachsene Frau nicht so verhalten darf, wie ich finde.

An sich finde ich es immer gut, wenn Bücher – auch Jugendbücher – Tabuthemen behandeln, Stoff für Diskussionen liefern und zum Nach- und evtl. auch Umdenken anregen. Doch bei „Verdammt gute Nächte“ wurde das brisante Thema an manchen Stellen – für meinen Geschmack – leider ein wenig zu brisant umgesetzt.

„Meine Knie wurden weich, und für einen Augenblick fühlte es sich an, als würde ich schweben. Ich war nicht mehr im Garten am Rande unseres Dorfs. Ich befand mich in einer gänzlich anderen Galaxie. Hier galten die Gesetze der Erde nicht. Es gab keine Schwerkraft, es gab keine Grenzen. Ich bewegte mich schwerelos durch Raum und Zeit. Puma, meine Weltraumgefährtin, hielt ich fest an den Händen.“ (Seite 121)

Um ehrlich zu sein, kann ich mir nicht vorstellen, dass Jugendliche im Alter von 14 Jahren wirklich wissen, wie mit dem Gelesenen währenddessen und auch im Nachhinein umgehen sollen und was die Botschaft in diesem Buch für sie sein soll. Selbst ich weiß das mit meinen 31 Jahren nicht wirklich… Ich weiß nicht, was mir dieses Buch sagen soll. Das es mir sagen soll, ist für mich klar. Nur was, weiß ich leider nicht.

Vielleicht geht es in diese Richtung: Meine Grundhaltung zu diesem Thema ist glasklar. Und daran hat sich nach diesem Buch auch nichts geändert. Und doch hat Kathrin Schrocke es geschafft, dass viele Gedanken und Aspekte zu diesem Thema kreuz und quer durch meinen Kopf schießen. Darunter auch ein paar, die vorher vielleicht noch nicht da waren.

„Verdammt gute Nächte“ ist kein „typisches“ Jugendbuch. Kathrin Schrocke nimmt sich darin eines Tabuthemas an, dessen Umsetzung mich leider nicht vollends überzeugen konnte. Dennoch ist das Buch absolut lesenswert und lädt zum Nachdenken und Diskutieren ein.

3,5SaFi

2 Antworten to “[Rezension] Verdammt gute Nächte | Kathrin Schrocke”

  1. Martina Bookaholic 21. Februar 2014 um 09:30 #

    mh, ich weiß ja nicht, ob das was für mich wäre. Irgendwie klingt es interessant und ‚anders‘, aber andererseits ist das glaube ich nicht mein Beuteschema, das ich gerne lesen. 😉
    Trotzdem danke für eure Einblicke in das Buch
    LG

    Gefällt mir

  2. kulturellematrix 21. Februar 2014 um 13:24 #

    Klingt sehr interessant.

    Gefällt mir

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