{Gast-Rezension} Klammroth | Isa Grimm

8 Jul

Klammroth

Autor: Isa Grimm
Titel: Klammroth
Seitenzahl: 335 Seiten
 ISBN-13: 978-3-7857-6107-6
Verlag: Bastei Lübbe
Veröffentlichung: 13. März 2014
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„Vielleicht wäre es klüger gewesen, einen Stollen geradewegs durch das Herz des Berges zu treiben, eine Klinge durch den Leib des Feindes.“ (Seite 10)

Bereits das Bild auf dem Buchcover, auf dem ein Mädchen zu sehen ist, das aus einer glühenden Tunnelöffnung tritt, führt uns gleich zum zentralen Punkt des Romans. Dreh- und Angelpunkt sind die Geschehnisse in dem Tunnel, der einst die Verbindung des Städtchens Klammroth mit der Außenwelt war. Dieser Tunnel war in der Vergangenheit Schauplatz einiger Unglücke.

17 Jahre vor den Geschehnissen in diesem Roman, welcher in der Gegenwart spielt, kam es dann zu einer der schlimmsten Katastrophen, als vier Schulbusse ineinander fuhren und Feuer fingen und dabei die Jugendlichen des Ortes zu Tode kamen oder schwere Brandverletzungen davon trugen. Eine der Verletzten ist Anais, die Hauptperson dieses Buches.
Sie hatte ihre Heimatstadt damals schwer verletzt und traumatisiert gleichsam fluchtartig verlassen und war nie zurück gekehrt. Nun ist jedoch ihr Elternhaus abgebrannt und ihre Stiefmutter in den Flammen umgekommen und ihr demenzkranker Vater kann die Dinge nicht alleine regeln.
So kehrt Anais in ihre Heimatstadt Klammroth zurück und wird dort mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Der Leser erfährt nicht nur Gegenwärtiges, sondern in Rückblenden wird er auch in das Klammroth in der Zeit vor dem Unfall eingeführt. Hier ist Anais eine schöne Teenagerin, ihre beste Freundin ist Christina, ihre große Liebe Sebastian und weiter lernt man Sebastians Schwester Nele und den von allen verspotteten Außenseiter Erik kennen.

In der Gegenwart trifft der Leser all diese Personen wieder, mit Ausnahme von Christina, die in den Flammen umkam. Alle anderen Protagonisten haben mit schweren Brandverletzungen überlebt und haben ihre eigene Art entwickelt mit den physischen und psychischen Verletzungen jener Tage umzugehen.

Anais erscheint auf den ersten Blick mit beiden Beinen im Leben zu stehen. Sie ist eine anerkannte Autorin und Performancekünstlerin und stellt sich der Herausforderung, Klammroth zu betreten zunächst mit einer gewissen Robustheit, in die sich jedoch zunehmend Verunsicherung mischt.
Gezielt werden bei Anais – und damit auch beim Leser – Unsicherheiten geweckt. Ist Sebastian der Nette und Erik, der Grobschlächtige, eine Gefahr? Was ist mit dem Vater? Ist er so dement, wie es scheint, oder flüchtet er in diese Demenz? Welche Rolle spielt die verstorbene Stiefmutter? Die doch zunächst als klassische böse Stiefmutter erscheint, aber von den meisten der Klammrother fast als Heilige gesehen wurde, weil sie in ihrer Schmerzklinik die Leiden der Brandopfer zu behandeln wusste. Geht in der Klinik überhaupt alles mit rechten Dingen zu? Und dann gibt es auch noch den undurchschaubaren Kommissar Herzog, der den Tod der Stiefmutter untersucht und den alten, aber seltsam vitalen Herrn von Stille, der eine ganz besondere Beziehung zu Anais‘ Stiefmutter hatte.

Allen gemein ist nur das eine: der Leser kann sich stets nicht sicher sein, was die Beziehung dieser Personen zu Anais angeht. Auch daraus bezieht das Buch einen Großteil der Spannung.

Ferner versteht es die Autorin mit bewährten Gruselszenarien zu arbeiten: da ist zunächst natürlich der alles beherrschende Tunnel. Hinzu kommt das alte Anwesen derer von Stille, welches Spukschloßcharakter hat. Die verbrannte Ruine des Elternhauses, die Klinik, die ein Geheimnis birgt und der Dauerregen. Und nicht zuletzt der einsame Friedhof bei Nacht.
Klammroth selbst leidet unter dem Ausbleiben von Touristen und viele Häuser stehen leer und sind dem Verfall preisgegeben. All dies beschwört eine beklemmende Atmosphäre herauf.

 Fazit:

Der Schreibstil von Isa Grimm gefällt mir gut. Klammroth läßt sich flüssig lesen. Langeweile kam zu keiner Zeit auf.
An einigen Stellen übertreibt die Autorin es mit der bildlichen Sprache. Wenn sich ein Weg „wie ein Soßenrand in einer Schüssel“ windet (Seite 104) oder „Rücklichter wie Raubtieraugen glühen“ (Seite 79) dann wirkt die Metaphorik schon arg bemüht, bisweilen effekthascherisch. Glücklicherweise sind diese Stellen eher selten und deshalb wenig störend.

Das Buch hat keine übertriebenen Mystery Elemente, die Angst entsteht hauptsächlich aufgrund der durch und durch beklemmenden Szenerie. Anais kann niemandem im Ort vertrauen und der Ort selbst strahlt nun auch wahrlich keine Herzlichkeit aus.
Man könnte dem Roman vorwerfen, dass er zu sehr auf Klischees setzt. Das örtliche Setting ist nun wirklich aus allzu bewährten Zutaten zusammen gerührt.
Aber: es funktioniert. Die dahin siechende Kleinstadt erscheint bildlich vor dem Auge des Lesers, die Einwohner, die alle mehr oder weniger noch an den Folgen des Unglücks leiden, werden nachvollziehbar gezeichnet.

Einige Handlungsstränge werden für mich nicht ganz plausibel aufgelöst oder versanden irgendwo – hier hätte ich mir den einen oder anderen sauberen Abschluss gewünscht, aber das mag Geschmacksfrage sein.
Insgesamt habe ich das Buch gerne in die Hand genommen und gerade das letzte Drittel habe ich dann ohne Pause zu Ende gelesen. Ein gutes Zeichen.

Rana

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