[Rezension] Golem und Dschinn | Helene Wecker

20 Aug
Golem und Dschinn ohne Rand
 
Titel: Golem und Dschinn
Autor: Helene Wecker
Seitenzahl: 624
ISBN: 978-3-455-40367-1
Verlag: Hoffmann und Campe
Veröffentlichung: 16. August 2013
Leseprobe
 
 

Zum Inhalt:

Chava ist eine Frau aus Lehm. Ahmad ist ein Mann aus Feuer. Sie ist ein Golem, erschaffen von einem skrupellosen Rabbi. Er ist ein Dschinn, der lange Zeit in einer Kupferflasche sein Dasein fristen musste. Chava muss alleine in New York zurechtkommen, nachdem ihr Meister während der Überfahrt von Danzig verstorben ist. Ahmad wird durch Zufall von einem Schmied aus seinem Gefängnis befreit. Beide müssen sich nun dem alltäglichen Leben als Mensch stellen – mit unterschiedlichem Erfolg. In einer kalten Winternacht im Jahre 1899 begegnen sich die beiden schließlich zufällig. Doch eines ahnen Sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht: Ihr Schicksal ist seit Jahrhunderten unauflöslich miteinander verknüpft…

Golem und Dschinn - Helene Wecker

Golem und Dschinn – Helene Wecker

Meine Meinung:

Bevor es zu der Begegnung von Chava und Ahmad kommt, muss man als Leser viele, viele Seiten umblättern. Anfangs war ich deswegen ein wenig verstimmt, denn laut Klappentext schien diese Begegnung für mich der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte zu sein. Dann fing ich jedoch an, die so zur Verfügung stehende Zeit schätzen zu lernen. Ich bekam die Möglichkeit, den Golem und den Dschinn unabhängig voneinander kennen zu lernen. Ich konnte mich mit diesen Wesen, diesen mythologischen Geschöpfen, auseinandersetzten und langsam eine Bindung zu ihnen aufbauen und muss sagen, dass mir diese sanfte Herangehensweise im Nachhinein doch sehr gut gefallen hat und sehr entgegen gekommen ist.

„Das Leben des Golems begann im Frachtraum eines Dampfers. Es war im Jahr 1899, und die Baltika war unterwegs von Danzig nach New York. Der Meister des Golems, ein Mann namens Otto Rotfeld, hatte ihn in einer Kiste an Bord geschmuggelt und zwischen anderen Gepäckstücken versteckt.“ (Seite 7)

Ähnlich verhält es sich auch mit der Geschichte an sich. Bei manch anderem Buch hätten die manchmal sehr langsam voranschreitende Entwicklung und die stellenweise doch sehr ausschweifenden Rückblenden in die Leben der einzelnen Charaktere vermutlich zu gähnender Langweile und einem vorzeitigen Abbruch der Lektüre geführt. Doch hier lag der Fall – zum Glück – völlig anders. Auch wenn ich es nicht genau benennen kann, hat mich irgendwas an diesem Buch gefesselt. Man könnte fast sagen, dass ich im gleichen Maß an das Buch gebunden war, die der Golem an ihren Meister und der Dschinn an seinen Herrscher.

Helene Wecker hat die historische Kulisse, das Leben, die Freuden und auch die Leiden der jüdischen und arabischen Einwanderer im New York des ausklingenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts und den mystischen Aspekt harmonisch miteinander verschmelzen lassen. Dieser steht zwar im Vordergrund, zwängt sich während des Lesens aber nicht unangenehm auf. Die Autorin hat in dieser Hinsicht einen guten Mittelweg gefunden. Behutsam wird der Leser in die Thematik eingeführt. Seite für Seite erfährt man mehr über den Golem und den Dschinn – über ihren Daseinszweck, ihre Bestimmungen, ihre wesensbezogenen Eigenheiten und Angewohnheiten. Man kommt quasi zusammen mit ihnen im New York des Jahres 1899 an, schaut sich dort erst mal ein wenig um und bekommt mit der Zeit alles Wichtige mitgeteilt.

„Er schloss die Augen und versuchte zum hundertsten Mal, seine Gestalt zu ändern, kämpfte gegen den Zauber der Eisenschelle an. Doch es war, als hätte er diese Fähigkeit nie besessen. Und noch erstaunlicher war, dass er sich überhaupt nicht daran erinnerte, wie sie um sein Handgelenk gekommen war.“ (Seite 40)

Abgerundet wird die außergewöhnliche Geschichte von Chava und Ahmad durch den sehr schönen Schreibstil, der die Atmosphäre der damaligen Zeit transportiert, ohne merkwürdig zu wirken. Es kommen viele jüdische und arabische Begriffe vor, die aber nicht schwer zu verstehen sind, weil ihre Bedeutung durch Gedankengänge, Handlungen und Gespräche verdeutlicht wird.

Zu der Handlung könnte ich so viel schreiben, lasse es aber lieber bleiben. Zum einen, weil ich natürlich nicht die Überraschung verderben möchte. Zum anderen, weil einfach so viel passiert, dass es schlichtweg den Rahmen sprengen würde. Ich mag lediglich verraten, dass alles viel komplexer ist, als es zunächst vielleicht den Anschein hat. Die im Laufe des Buches eingestreuten Geschichten und Rückblicke werden mit der Zeit immer wichtiger und vervollständigen schlussendlich das Geschehen, bevor alles in einem großen und furiosen Finale endet.

Für meinen Geschmack passt der Debütroman von Helene Wecker in viele Schubladen, lässt sich aber nicht wirklich in ein Genre pressen. Diverse Lesegeschmäcker können mit diesem Buch gut unterhaltende Stunden verbringen.

>>Was bist du?<<, fragte er. Sie schwieg, ließ nicht erkennen, ob sie ihn verstanden hatte. Er versuchte es noch einmal. >>Du bist kein Mensch. Du bist aus Erde.<< Endlich sprach sie. >>Und du bist aus Feuer.<< (Seite 225)

„Golem und Dschinn“ ist ein besonderes Buch, dessen Charme und Außergewöhnlichkeit ich mich nicht entziehen konnte. Man muss sich allerdings mit der Art und Weise, wie Helene Wecker ihre Geschichte erzählt, anfreunden können, um sich vollends in ihr verlieren zu können. Mir ist das, bis auf die eine oder andere Kleinigkeit, ganz gut gelungen. Und so habe ich ein Buch lesen können, das mir sicherlich noch einige Zeit in Erinnerung bleiben wird.

4SaFi

2 Antworten to “[Rezension] Golem und Dschinn | Helene Wecker”

  1. flattersatz 20. August 2013 um 11:28 #

    danke für diese buchvorstellung, das thema „golem“ ist immer interessant, angefangen bei meyrink… ich habe mir den titel mal auf die merkliste gesetzt…
    lg
    fs

    Gefällt 1 Person

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