{Rezension} Der Geschmack von Wasser | Emmi Itäranta

12 Sep

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Der Geschmack von Wasser

Autor: Emmi Itäranta
Titel: Der Geschmack von Wasser
(OT: Teemestarin Kirja)
Seitenzahl: 340 Seiten
Verlag: DTV
ISBN: 978-3-423-65009-0
Veröffentlichung: September 2014
Leseprobe
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„Und allmählich erkannte ich in ihrem Kern ein Geräusch, das wuchs und immer lauter wurde, das mir vertraut erschien und doch fremd. Ich hatte es noch nie so frei gehört, so ungebremst und ungehemmt stark. Es glich dem des Regens, der gegen die Fensterscheiben prasselte, oder dem des Duschwassers, dass man sich über den Kopf fließen ließ, nur war dieses Geräusch nicht zahm oder leise, nicht wie von Menschen gebändigt. Es umschloss mich und drückte mich nieder, bis es so nah war wie die Wände ringsum, so nah wie die Dunkelheit.“ (Seite 16)

Noria ist die Tochter eines angesehenen Teemeisters. Bald schon soll sie in seine Fußstapfen treten und ebenfalls in Zukunft diese Zeremonien leiten. Doch bald bekommt auch ihre Familie die Auswirkungen der allgemeinen Trinkwasserknappheit zu spüren.
Noria erzählt ihrer besten Freundin Sanja, mit der sie oftmals über die Mülldeponie zieht und Dinge aus der „Alten Zeit“ sucht und repariert, von der geheimen Quelle in einer Höhle. Damit bringt Noria nicht nur sich und ihre Familie, sondern auch die Sanjas in Gefahr. Und schon bald ist das Militär hinter ihnen her.

„>>Diesen Ort gibt es nicht. Diese Quelle ist vor langer Zeit versiegt. So heißt es in Geschichten, und das glauben auch diejenigen, die andere Geschichten kennen, solche, wonach es im Herzen des Fjells eine Quelle gab, die einmal Wasser für das ganze Dorf spendete. Denk daran: Diese Quelle gibt es nicht!<<
>>Ich denke daran<<, sagte ich zu ihm, aber ich begriff erst später, was für ein Versprechen ich ihm da gegeben hatte.“ (Seite 18)

Das Buch ist mir im Rahmen unserer „lue suomi – finnisch lesen“ Aktion zwar schon begegnet, jedoch muss ich gestehen, dass ich mich nicht weiter damit beschäftigt habe. Dann hat eine Mitarbeiterin des dtv mir das Buch mit solch netten Worten ans Herz gelegt, dass ich überhaupt gar nicht nein sagen konnte. Und wisst ihr was? Ich bin sooooo froh, dass ich es gelesen habe!!! ❤

Sachte wird man als Leser in die Geschichte um Noria und ihre Familie hinein geführt. Die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr und heißt nur noch „Alte Zeit“. Wasser ist rar und kaum frei verfügbar und alle Bewohner müssen sich dem beugen. Das Militär kontrolliert dies streng.
Doch hin und wieder gönnen einige Menschen sich eine Teezeremonie, um dem Alltag zu entfliehen. Norias Vater ist ein sehr angesehener Meister darin. Seine Tochter wird von ihm angelernt und möchte dann natürlich die Prüfung ablegen – obwohl es bisher keine Frauen in diesem Beruf gibt. Doch Norias Eltern haben Geheimnisse vor ihr.  Und obwohl sie ihre Tochter schützen möchten, müssen sie diese doch preisgeben.

Das Regiment herrscht mit strenger Hand. Wassersünder werden öffentlich gebrandmarkt und geächtet. In dieser schwierigen Zeit sollte man als Bürger möglichst nicht auffallen. Und obwohl Noria danach lebt, hat sie doch einen wesentlichen Charakterzug, der immer mehr an die Oberfläche drängt: Mut. Doch wird dieser immer belohnt?

„Die Stille im Haus war nicht die Stille der leeren Zimmer, die meine Eltern hinterlassen hatten, es waren nicht nur ihr Atem und ihre Worte, die fehlten; es war auch die Stille all dessen, was sie mir nicht erzählt und was sie nicht laut ausgesprochen hatten, die Stille all dessen, was ich nun ohne ihre Hilfe lernen und verstehen musste.“ (Seite 172)

Die von der Autorin erschaffene Welt hat mir gut gefallen. Dass Kriege Trinkwasservorkommen zerstört haben, ist alles andere als abwegig und auch nicht so weit von uns weg, wie wir manchmal glauben. Dass natürliche Ressourcen irgendwann aufgebraucht sind, ist auch klar. Doch was ist dann? Die Autorin regt zum Nachdenken an, ohne den Leser mit erhobenem Zeigefinger zu nerven und uns direkt mit der Nase drauf zu stupsen. Doch die Message, die dahinter steckt, ist klar.
Das Cover gefällt mir ebenfalls – die Bedeutung wird einem im Laufe der Geschichte bewusst und dann denkt man bloß „wie passend!“.

Schon auf den ersten Seiten habe ich viele Passagen gefunden, die sich als Zitat in einer Rezension eignen. Der Schreibstil der Autorin ist wirklich besonders hervorzuheben! Sie hat es geschafft, diese düstere und schwere Welt durch ihren wundervollen Erzählstil irgendwie leicht wirken zu lassen. Die Geschichte um Noria liest sich fantastisch, aber nicht besonders schnell. Doch darauf kommt es ja auch nicht an.
Die Story steckt voller Details, ohne zu ausschweifend zu sein. Eine unterschwellige Spannung herrscht beinahe das ganze Buch über – und sobald man in Norias Geheimnis eingeweiht ist, steigert sich diese. Man hofft als Leser mit der Protagonistin, dass das Problem ein gutes Ende nimmt und das Militär sie bald aus den Augen verliert. Zum Ende hin steigt der Spannungsbogen an und lässt den Leser etwas kurzatmig am Geschehen teilhaben.
Teilweise hat Emmi Itäranta die Dinge so bildhaft beschrieben, dass ich beispielsweise das Gefühl hatte, neben Noria zu stehen und den Duft des Tees einzuatmen.

„Das Grün des dritten Tees hatte einen silbrigen Schimmer, und aus den Blättern waren Tropfen geformt. Meine Wahl aber traf ich nach dem Duft, der dem dritten Tee geradezu entströmte. Ich wüsste kein besseres Wort, mit dem man es beschreiben könnte. Es war der Duft von frisch gepflücktem Tee, aber auch von feuchter Erde und vom Wind, der über die Teesträucher wehte, ein Duft, flirrend wie das Licht im Wasser oder wie ein schneller Schatten.“ (Seite 103/104)

Mir fiel es richtig schwer, dieses grandiose Debüt einem Genre zuzuordnen. Die Handlung spielt in der Zukunft und hat gewisse dystopische Ansätze. Doch das war es auch schon. Der Verlag bezeichnet das Buch als „literarischen postapokalyptischen Zukunftsroman“ – und das trifft es voll und ganz (auch wenn ich selber nie auf diese Bezeichnung gekommen wäre).
Die richtigen Worte zu finden, dieses Buch gerecht zu beschreiben, schaffe ich irgendwie nicht. Leider. Vielleicht sollte jeder zweite Satz „LESEN!“ sein?! 🙂 Ich wünsche mir gerade, dass ich genauso mit den Worten jonglieren könnte, wie die junge Autorin.

Mit „Der Geschmack von Wasser“ entführt die Autorin Emmi Itäranta den Leser in eine Zukunft, in der das (Trink)Wasser knapp ist und das Militär herrscht. Dystopische Ansätze verleihen der Geschichte eine zusätzliche Spannung und der fantastische Erzählstil der Autorin lässt die Leser nur so an den Seiten kleben.
Für alle Leser, die sich auf ein „etwas anderes“ Buch einlassen können, spreche ich hiermit eine ganz klare Empfehlung aus! Für mich ein (unerwartetes) Highlight 2014! LESEN! LESEN! LESEN!

PS: wir haben auf der Buchmesse die Chance, uns mit der Autorin zu unterhalten! Was soll ich sagen? Ich freue mich sehr darauf!

„Was, wenn von der Alten Zeit nur blinde Spiegelscherben und darin verzerrte Bilder übrig blieben?  Oder noch schlimmer: wenn jemand die Spiegel absichtlich beschädigt und zerschlagen hatte, um die Bilder darin zu verfälschen?“ (Seite 80)

Es gibt ein Special vom Verlag zu diesem wundervollen Buch >>klick<<. Schaut mal rein, es lohnt sich!

5

SaCre

6 Antworten to “{Rezension} Der Geschmack von Wasser | Emmi Itäranta”

  1. Steffi hisandherbooks 12. September 2014 um 21:24 #

    Ui, das klingt ja richtig toll! “literarischen postapokalyptischen Zukunftsroman” – das ist ja mal was 😀
    Das Einzige, was mich jetzt gerade hindert, es sofort haben zu wollen ist das langsam zu lesen ist 😥

    Viele liebe Grüße – und endlich kann ich deine Begeisterung besser verstehen 😉

    Steffi

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    • bookwives 14. September 2014 um 12:37 #

      Liebe Steffi,

      schön, dass du meine Begeisterung nun verstehen kannst. *freu*
      Das Buch ist wirklich toll und sollte auf jeden Fall eine Chance bekommen! Die längere Lesezeit sollte dich nicht abhalten. Allerdings ist das Buch nicht so aktiongeladen, sondern hat eine unterschwellige Spannung.

      Liebste Grüße,
      SaCre

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      • hisandherbooks 14. September 2014 um 19:34 #

        Ich behalte es auf jeden Fall im Hinterkopf 🙂

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  2. hisandherbooks 12. September 2014 um 21:25 #

    Der hat meinen Kommentar schon wieder gefressen (aber ich hab dazu gelernt und kopiert 😀 )

    Ui, das klingt ja richtig toll! “literarischen postapokalyptischen Zukunftsroman” – das ist ja mal was 😀
    Das Einzige, was mich jetzt gerade hindert, es sofort haben zu wollen ist das langsam zu lesen ist 😥

    Viele liebe Grüße – und endlich kann ich deine Begeisterung besser verstehen 😉

    Steffi

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