{Rezension} Ein Sommer wie kein anderer | Emma Straub

7 Aug

Ein Sommer wie kein anderer

 

Autor:Emma Straub
Titel: Ein Sommer wie kein anderer
(OT: The Vacationers)
Übersetzung: Sonja Rebernik-Heidegger
Seitenzahl: 336 Seiten
Verlag: Knaur
ISBN: 978-3-426-51696-6
Veröffentlichung: 1. Juni 2015
Leseprobe
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»Eine Familie war nicht mehr als ein Netz der Hoffnung, das weit ausgeworfen wurde und unter dem jeder das Beste für die anderen wollte.« (Seite 305)

Die New Yorker Familie Post macht Urlaub. In das Landhaus in der Nähe des mallorquinischen Puigpunyent ziehen für 14 Tage nicht nur Franny und Jim Post ein, sondern auch die Tochter Sylvia und der Sohn Bobby. Bobby bringt seine Langzeit-Lebensgefährtin Carmen mit. Frannys bester Freund Charles nebst dessen Ehemann Lawrence komplettieren die Gruppe.
Jede Person hat eine gehörige Portion an Problemen mit im Gepäck. Franny ist unglücklich, weil Jim sie betrogen hat und Jim wiederum ist rührend darum bemüht, seinen Seitensprung vergessen zu machen. Sylvia hat gerade die Highschool beendet, die sie nicht in bester Erinnerung behalten wird, und möchte sich in diesen Ferien neu erfinden. Eine nicht unwesentliche Rolle in diesem Plan spielt Joan, der überaus attraktive Spanischlehrer. Bobby ist mit seinen fast 30 Jahren eigentlich erwachsen, aber schafft es nicht, Verantwortung  für sein Leben zu übernehmen, was zu Problemen mit Carmen führt. Charles und Lawrence sind überaus glücklich miteinander, aber ihnen fehlt ein Kind, um sich als komplette Familie zu fühlen. Zumindest sieht Lawrence das so, während Charles sich in diesem Punkt nicht sicher ist.
Konfliktpotential ist mithin ausreichend vorhanden, welches nun vor der schönen Kulisse der mallorquinischen Tramuntana aufgearbeitet werden soll.

Meine Meinung:

Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: mein größtes Problem, das ich mit diesem Buch habe, ist die Klischeelastigkeit. Mallorca wird nicht beschrieben, wie es ist, sondern wie es in der leicht verklärten Vorstellung der amerikanischen Autorin sein sollte. Und vielleicht auch vor einigen Jahrzehnten noch war. Wobei ich bezweifele, dass es am Aeropuerto von Palma jemals wirklich nach Oliven geduftet hat.
Ich halte das Buch für eher schlecht recherchiert und war bis zum Schluss der Meinung, die Autorin habe nie einen Fuß auf die Baleareninsel gesetzt, sondern nur ein – aus ihrer Sicht – exotisches Setting gesucht und alsdann ein paar Reiseführer gelesen. Da in der Danksagung jedoch ein Hotel in Puigpunyent genannt wird, gehe ich nun davon aus, dass Emma Straub doch auf der Insel war und sich einfach die Freiheit genommen hat, nicht allzu realistische Beschreibungen abzugeben.
Da ich weiß, dass es Menschen gibt, denen der Umstand einer schlechten Recherche oder gar fehlerbehafteten Darstellung gleichgültig ist, muss ich im Grunde zwei Bewertungen abgeben.
Einmal für diejenigen, denen es wie mir geht: mich stört es.
Und einmal für diejenigen, denen es egal ist. Die werden ein deutlich schöneres Leseerlebnis haben.

Einige Beispiele für die Fehler:
»Das mallorquinische Spanisch unterschied sich von dem richtigen Spanisch, das sich wiederum vom katalanischen Spanisch unterschied« (Seite 30)
Der Satz ist derartig falsch, dass ich es eigentlich gerne genauer erklären würde. Das führte aber zu weit. Deshalb kurz gesagt: Mallorquin ist eine Unterart des Katalanischen und unterscheidet sich deshalb kaum vom Katalanischen, aber natürlich deutlich vom Castellano (das hier als »richtiges Spanisch« bezeichnet wird).

»Franny wartete am Gepäckband und rieb sich die Hände« (Seite 63)
In dieser Szene wartet sie als Abholerin am Gepäckband. Ich nehme an, sie hat sich den Zutritt mit Waffengewalt freigekämpft, denn anders ist das dort nicht möglich. Für die wenigen Leser, die möglicherweise noch nicht am Flughafen von PMI waren: das Ding ist kein Provinzflughafen. Ich glaube nicht, dass man ohne ernste Probleme mit den Sicherheitskräften bis zu den Gepäckbändern gelangen würde.

»Gemma […] war äußerst umsichtig. Vermutlich befand sich irgendwo im Haus auch ein Paar Langlaufskier für den Fall, dass die Erde sich nicht mehr um die übliche Achse drehte und die Berge plötzlich mit weißen Pulverschnee bedeckt waren.« (S.165)
Schlechte Nachrichten: die Erde hat die Achse wohl bereits verändert. Jedenfalls ist Schnee auf Mallorca keine Seltenheit, vor allem in den höheren Lagen der Tramuntana, die weit über 1000 Meter Höhe erreichen, liegt häufiger Schnee. Das sind ein paar Beispiele aus dem Buch, denen ich aber noch eine Vielzahl weiterer hinzufügen könnte.

Komplettiert wird das noch durch einige weitere Klischees. Meine Lieblingsstelle wäre diese hier:
»Die meisten anderen Passagiere in dem kleinen Flugzeug, das sie von Madrid nach Mallorca brachte, waren adrett gekleidete, weißhaarige Spanier oder Briten mit rahmenlosen Brillen auf dem Weg in ihre Ferienhäuser. Dazu kamen noch zahllose lautstarke Deutsche, die anscheinend der Meinung waren, sie wären auf einer Abi-Reise.«

Mir wäre eine gewisse Authentizität in diesem Roman wichtig gewesen. Wäre es eine x-beliebige fiktive Mittelmeerinsel, hätte Emma Straub die Handlung exakt so unterbringen können, wie im vorliegenden Roman. Mallorca bildet die Kulisse, aber es ist keineswegs irgendetwas mallorcatypisches zwingend wichtig für die Geschichte an sich, so dass ein anderes – womöglich fiktives – Setting möglich gewesen wäre. Der Roman gibt sich jedoch den Anstrich, hinter die Kulissen Mallorcas zu führen. Ein Versprechen, das dieses Buch nicht halten kann.
Ich kann auch nicht sehen, dass es sich um ein Stilmittel handelt. Ich hatte zunächst vermutet, dass es der Sichtweise Frannys entspricht, wie Mallorca dargestellt wird, aber dazu ist die Art und Weise doch wieder zu objektiviert.

Wie eingangs erwähnt, hat dieses Buch jedoch auch eine zweite Bewertung verdient.
Eine, die die inhaltlichen Unstimmigkeiten außer Acht lässt und den übrigen Inhalt betrachtet. Und hier kann das Buch als Sommerroman punkten. Die Charaktere sind nachvollziehbar gezeichnet. Jede Person hat sympathische Züge neben kleineren – und bisweilen auch größeren – Fehlern.
Der Schreibstil von Emma Straub ist ansprechend und lässt sich flüssig lesen. Die Geschichte hat ausreichend Dynamik, um nicht langweilig zu werden. Gleichzeitig ist die Handlung nicht übermäßig problembeladen. Somit ist das Buch als lockere Sommerlektüre gut geeignet.

Mein Fazit:

Ich bin Mallorcaliebhaberin. Ich mag die Strände ebenso wie das Hinterland, ich wandere durch die Ausläufer der Tramuntana, ich bewundere die Mandelblüte, ich krieche durch Höhlen genauso gerne, wie ich durch Palmas Altstadt bummele. Und deshalb nehme ich es dem Buch übel, dass es nicht das echte Mallorca zeigt und auch sonst vor Klischees strotzt.
Wer damit gut leben kann, wem das Vorstehende möglicherweise gleichgültig ist, der findet in »Ein Sommer wie kein anderer« einen lockeren, teils humorvollen, Sommerroman für leichte Unterhaltung am Strand.

Rana

 

3 Antworten to “{Rezension} Ein Sommer wie kein anderer | Emma Straub”

  1. Henny 8. August 2015 um 12:14 #

    Oh oh! Da ich selbst den Grossteil meines Lebens auf Mallorca gelebt habe, muss ich hier mal bei den „Fakten“ ganz schnell eingreifen!
    1. Mallorquin ist vielleicht ein Dialekt des Katalanischen. ABER es unterscheidet sich dermassen in der Aussprache und oft auch im Vokabular, dass es für einen Barcelonesen der Hochcatalán spricht nicht verständlich ist. So ist Katze auf Mallorquín „moix“, auf Catalán „gat“, „idò“ ist „doncs“ und die Partikel „es/sa“ sind „el/la“… Um nur ein paar Beispiele zu nennen. Ich selbst spreche am Katalanischen Festland kein Wort Katalanisch, da die Leute mich sonst nicht verstehen würden.
    2. Als Vielfliegerin der Strecke PMI-CGN, kann ich zwar bestätigen, dass PMI kein Provinzflughafen à la Düsseldorf-Weeze ist, aber and Gepäckband kommt man auch ohne die Unterstützung der Security, wenn man nicht gerade zu den Stosszeiten in der Hauptsaison ankommt.
    3. Schnee gibt es nicht nur in der Tramuntana, sondern auch an der Playa de Palma 😀
    4. Die Deutschen sind meistens wirklich die lautesten Passagiere. Nicht alle und nicht immer, aber viele und meistens. Aber auch hier: Stosszeiten und Hochsaison: Ballermann ahoi!

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  2. Henny 8. August 2015 um 12:27 #

    Oh oh! Bei den „Fakten“ muss ich aber ganz schnell eingreifen!
    1. Mallorquin ist vielleicht ein Dialekt des Catalán. ABER es unterscheidet sich in Aussprache und oft auf im Vokabular. So ist Katze auf Mallorquin “moix” und auf Catalán “gat”, “idò” ist “doncs” und “es/sa” ist “el/la”… Ein Barcelonese versteht Mallorquín ungefähr so gut wie ein Bayer Kölsch (Eine Freundin musste Spanisch sprechen, da sie mit ihrem Catalán auf Mallorca nicht weit gekommen ist :D)
    2. PMI ist kein Provinzflughafen à la Düsseldorf-Weeze, klar. Aber ans Gepäckband kommt man locker ohne mit den Sicherheitskräften Probleme zu bekommen. Vielleicht nicht zu den Stosszeiten der Hochsaison, aber selbst dann muss man sich nicht „durchkämpfen“ da die Gepäckbänder sehr lang sind (länger als z.B. in Köln/Bonn).
    3. Nicht nur Schnee in der Tramuntana, sondern auch an der Playa de Palma 😀
    4. Die Deutschen sind oft wirklich die lautesten Passagiere der Flugzeuge. Nicht alle und nicht immer, aber viele und oft (Hängt natürlich auch von der Fluggesellschaft ab… Lufthansa ist ruhiger als Germanwings oder Ryanair).
    So, ich hoffe ich konnte ein anderes Licht auf die kritisierten Punkte werfen.
    Das Buch klingt zwar spannend, aber ich kann solche Klischees auch überhaupt nicht ab.. :/
    Alles Liebe
    Henny

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    • Rana 12. August 2015 um 13:08 #

      Hallo Henry,
      Danke für Deine Hinweise.
      Ich erlaube mir ein kurzes Replik 😉

      Zu 1: Nichts anderes habe ich behauptet. Dennoch klingen die Aussagen in dem Buch zu diesem Punkt für für mich falsch. Vielleicht auch eine Frage der Übersetzung. Hätte man von Mallorquin, Catalan und Castellano gesprochen, hätte sich die Stelle ‚richtiger‘ angehört, obschon ich da immer noch eine andere Sortierung innerhalb des Satzes vorgenommen hätte. Aber sei es drum.
      Ich selbst spreche übrigens Castellano mit kanarischem Einschlag und verstehe bei mallorquin und catalan nur Bahnhof 😉

      Zu 2: Das glaube ich erst, wenn ich es sehe! Du musst falsch herum durch die Schiebetür… das alleine dürfte schon Grund genug sein, damit Du aufgehalten wirst und Probleme bekommst.

      Zu 3: Weiß ich. Ich habe durchaus auch schon im Schnee auf Mallorca gestanden. 😉

      Zu 4: Das sehe ich komplett anders. Ich bin mittlerweile mit unzähligen Fluggesellschaften, die es teilweise nur ein oder zwei Jahre lang gab, weil es so extreme Billigflieger waren, auf Mallorca gewesen.
      Ich will nicht sagen, dass es niemals einen einzigen Klischee-Kegelverein auf Abschlussfahrt gab, den man nicht doch mal gehört hat. Aber glaube mir: ich bin schon zu jeder Tages- und Nachtzeit nach Mallorca und zurück geflogen, ebenso zu jeder denkbaren Jahreszeit. Und die allermeisten Flüge verliefen absolut ruhig und gesittet.
      Du musst entweder extremes Pech bei der Auswahl Deiner Flüge gehabt haben, oder hängst Du etwa gerade auch einem Klischee an? 😉

      Wenn ich mir Magaluf und die Playa de Palma anschaue, denke ich, dass sich diejenigen, die nur zum Party machen auf die Insel kommen, in puncto Verhalten auf der Insel nicht viel nehmen.

      Die Autorin hing deutlich gewissen diesbezüglichen Klischees an.
      Die Europäerinnen (womit in diesem Fall Spanierinnen und Engländerinnen gemeint waren) sind „gut gekleidet“, „klingen gebildet“. Während die Deutschen im Museum „hereinstapften“.

      Da meine Rezension ohnehin lang geworden ist, wollte ich nicht noch mehr dazu schreiben. Sonst wäre ich auch noch darauf eingegangen, dass Mallorca als um Jahre zurückgeblieben beschrieben wird. Das hat mich angesichts der hochmodernen Gegend – zumindest – um Palma herum, auch gestört.
      Im Grunde geht es ja auch nicht darum, eine Buchinterpretation für den Deutsch-Leistungskurs zu schreiben, sondern den Lesern dieses Blogs einen Eindruck zu verschaffen, welche Punkte in dem Buch negativ/positiv auffallend sind. Und der Leser mag dann entscheiden, ob er das Buch dann (trotzdem)/(gerade deswegen) lesen möchte.

      Viele Grüße,
      Rana

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