{Rezension} Profile. Die Prognose | Christine Seifert

14 Sep

Profile

Autor: Christine Seifert
Titel: Profile. Die Prognose
(OT: The Predicteds)
Übersetzung: Maria Poets
Seiten: 384 Seiten
ISBN: 978-3-8414-2150-0
Verlag: Fischer FJB
Veröffentlichung: 20. August 2015
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Niemand wirkt sonderlich beunruhigt, obwohl man uns gerade angekündigt hatte, uns wie Vieh aufzuteilen und unterschiedlich zu behandeln, je nachdem, welche Zahl der Computer für uns ausgespuckt hat. (Seite 242)

Daphne Wright zieht mit ihrer Mutter Dr. Melissa Wright in das Städtchen Quiet in Oklahoma.
An der ortsansässigen Highschool gibt es ein Pilotprojekt namens ›Profile‹, welches von Melissa anfänglich mitbetreut worden war.
Profile testet Menschen durch Fragebögen und ermittelt dann anhand der Ergebnisse eine Prognose, die Aussagen darüber trifft, mit welcher Wahrscheinlichkeit der getestete Jugendliche in der Zukunft antisoziales oder gar kriminelles Verhalten zeigen wird.

Melissa, die dieses Projekt als Wissenschaftlerin maßgeblich miterschaffen hat, distanziert sich zunehmend von dieser Arbeit und auch Daphne beobachtet mit wachsender Skepsis, welche Entwicklung die Angelegenheit nimmt.

Nach einem Amoklauf an der Schule reagieren Schüler, Lehrer und Eltern regelrecht hysterisch. In dem Versuch, ihre Kinder zu schützen, werden drastische Maßnahmen ergriffen und diejenigen Jugendlichen mit einer negativen Prognose komplett ausgegrenzt: sie bekommen ein eigenes Schulgebäude zugewiesen, dürfen nicht mehr an Schulaktivitäten teilnehmen und werden in der Folge auch von dem übrigen sozialen Leben in Quiet ausgegrenzt und zunehmend abfällig behandelt.
Auch Menschen wie Daphne, die die Geschehnisse kritisch betrachten, werden diskriminiert und beschimpft.
Die Geschichte und die Entwicklungen werden dabei aus der Egoperspektive Daphnes erzählt. Zu Beginn eines jeden Kapitels wird ein Statement eines Einwohners von Quiet zitiert, um so auch andere Sichtweisen darzustellen.
Die Handlung selbst entwickelt sich dabei hauptsächlich um Daphne und ihren Freund Jesse herum. Jesse hat eine negative Prognose erhalten, gehört also zu den Ausgegrenzten. Daphne steht nun zwischen den Fronten, da sie einerseits tiefe Gefühle für Jesse empfindet, aber andererseits nicht von ihren Freundinnen mit positiver Prognose geächtet werden möchte.

Die Lage spitzt sich zu, als ein Mädchen brutal zusammengeschlagen wird und Jesse der Letzte ist, der mit ihr zusammen gesehen wurde.

Meine Meinung:

›Profile‹ nimmt sich eines aktuellen Themas an: Was kann und was darf Wissenschaft und welche Risiken birgt es, wenn man alles, was möglich ist, auch ungeprüft anwendet?. Und wie geht man würdig mit Menschen um, selbst, wenn diese nicht dem Idealbild der Gesellschaft entsprechen?

Ein Pilotprojekt hat immer den Sinn, eine Theorie der praktischen Anwendung zuzuführen, um dann die Resultate kritisch zu hinterfragen.
Das geschieht in Quiet nicht.
Vermutlich ausgelöst durch den Schock über den Amoklauf, reagieren sämtliche Einwohnter Quiets komplett kopflos. Da werden willkürlich Menschen ausgegrenzt oder gar verhaftet, nur weil sie eine negative Prognose haben.
Die Frage, ob eine negative Prognose automatisch bedeutet, dass der Mensch mit Sicherheit kriminell werden wird, schwebt durchgehend über der Geschichte, wird aber weder von den Protagonisten ausreichend eindringlich gestellt, noch jemals wirklich beantwortet.

Mein Hauptkritikpunkt an der Geschichte ist, dass die Menschen in Quiet viel zu überzogen und drastisch reagieren.
Die Jugendlichen mit Prognose werden stigmatisiert. Sie werden in den alten Teil der Highschool abgeschoben, der Kontakt untereinander wird faktisch verboten und diese Kinder werden als »Lebenslängliche« bezeichnet und ihr Teil der Schule als »Zoo«, weil sie dort eingesperrt sind.
Dabei handelt es sich um Jugendliche, die bis zu diesem Zeitpunkt häufig zum engsten Freundeskreis zählten. Nach Bekanntgabe der ›Profile‹ Ergebnisse sind diese Freundinnen von jetzt auf gleich unerwünschte Menschen. In einer Szene erleidet eine von Daphnes Freundinnen beinahe eine Panikattacke, als eine Person mit Prognose sich nur nähert.
Ich halte diese Darstellung für zu überzogen, weil wenig nachvollziehbar.
Zweifel, eine zunehmende Distanz, wachsende Vorverurteilungen wären für mich realistisch und nachvollziehbar gewesen.
Auch Ausgrenzungen in der Form, dass man die Jugendlichen mit Prognose nicht mehr zu Parties etc einlädt, hätte ich verstanden.
Dass aber eine Ausgrenzung in dieser Form stattfindet, wie sie in dem Buch beschrieben wird und dies von einem Augenblick zum nächsten, halte ich für wenig glaubwürdig.
Auch, dass wirklich niemand sich dagegen wehrt. Weder begehren die Jugendlichen mit Prognose (oder deren Eltern) auf, noch gibt es kritische Stimmen innerhalb der Öffentlichkeit.
Derartig extreme Maßnahmen müssen irgendwelche Reaktionen auslösen. Das Ausbleiben dieser ist für mich leider ein Schwachpunkt in dem Buch. Hier ist viel Potential verloren gegangen. Lediglich Daphne und Melissa wundern sich darüber, dass alle diesen menschenverachtenden Umgang mit den Ausgegrenzten so hinnehmen, allerdings findet auch hier keine echte Auseinandersetzung mit diesem für mich wenig nachvollziehbaren Phänomen statt.

Dennoch liefert das Buch Denkanstöße. Vorurteile und Ausgrenzung sind ja leider ein stets aktuelles Thema; in diesen Tagen mehr denn je.

Auch der Schreibstil weiß zu gefallen. Der Roman liest sich flüssig, die Charaktere werden nachvollziehbar gezeichnet, wenngleich mich hier die (gewollte) Oberflächlichkeit der Protagonisten erschreckt hat.
Die bisweilen sarkastischen Bemerkungen Daphnes lockern die Geschichte auf und Sorgen dafür, dass es bei all der Problematik nicht zu schwermütig wird.

Fazit:

›Profile‹ ist ein Roman, der es schafft, Denkanstöße zum Thema Wissenschaftsgläubigkeit und zum Umgang mit Vorurteilen zu geben, ohne belehrend zu wirken. Vielmehr verpackt Christine Seifert die Geschichte in eine Highschool-Romanze, die sich gut lesen lässt.

Rana

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