{Rezension} Liebten wir | Nina Blazon

12 Jul

Liebten wir

Autor: Nina Blazon
Titel: Liebten wir
Seiten: 560 Seiten
ISBN: 9783548285771
Verlag: Ullstein
Veröffentlichung: 26. Juni 2015
Leseprobe
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Es tut weh, dass er mich so anschaut, als wäre ich ein Psycho. Und dann sagt er zu allem Überfluss auch noch: »What’s wrong with you?«
[…]
»Und?«,  fragt er, und ich verstehe, dass er immer noch auf meine Antwort wartet.
»I…fall in love with families.«

Moira und Aino sind die Protagonisten in dem Roman ›Liebten wir‹ von Nina Blazon. Moira, kurz Mo, ist eine junge Fotografin und lebt mit ihrem Freund Leon zusammen. Aino ist 85 Jahre alt und Leons Großmutter.
Anlässlich einer Familienfeier, zu der Moira Leon begleitet, lernen sich die beiden so verschiedenen Frauen kennen. Aufgrund ihrer Vergangenheit ist Mo zwanghaft darauf versessen, nicht nur eine Beziehung mit ihrem jeweiligen Freund zu führen, sondern in die gesamte Familie integriert zu werden. Und wie das häufig so ist: wenn etwas erzwungen werden soll, klappt es nicht. Alsbald verlässt Moira das Haus der Familie, flüchtet mit Leons Auto und hat dabei unglücklicherweise Aino im Schlepp.

Aber so, wie sie dasitzt, mit vorgeschobenem Unterkiefer und blitzenden Augen, begreife ich, dass sie wirklich zu allem entschlossen ist. Und vielleicht ist es das, was mich gehorchen lässt. Aino will einfach nur weg. Und das versteht bestimmt niemand besser als ich. (Seite 108/109)

Während Mo einfach nur von dort weg möchte, hat Aino ziemlich konkrete Vorstellungen von ihrem Ziel: sie will nach Finnland, das Land, in dem sie aufgewachsen ist. Aino erpresst und besticht Moira kurzerhand, damit diese sie nach Travemünde zur Fähre bringt. Im Verlauf dieser Reise erkennen beide Frauen, dass sie aufeinander angewiesen sind und so wird aus der Partnerschaft wider Willen zumindest eine Zweckgemeinschaft.
In Finnland angekommen, arbeitet Aino die schmerzhaften Erinnerungen ihrer Vergangenheit auf. Während Moira ihr dabei hilft, lernt sie, sich auch ihrer eigenen bisherigen Biografie zu stellen. Der unkonventionelle Aarto, bei dem die beiden unterkommen, hilft beiden Frauen auf seine Art.

Meine Meinung:
›Liebten wir‹ ist ein ganz außergewöhnliches Buch. Über weite Strecken ein geschriebenes Roadmovie. Die Charaktere sind alle recht skurril und bisweilen in ihren Handlungen extrem. Aber nie derartig überzeichnet, dass man das Gefühl bekäme, dass dies nicht mehr das wahre Leben sei.
Moira und Aino haben völlig unterschiedliche Leben gelebt und die Dämonen ihrer Vergangenheit sind verschiedene. Aber beiden gemein ist, dass sie von einer Besessenheit getrieben werden. Bei Moira ist es die Suche nach der Geborgenheit einer Familie. Bei Aino ist es der Drang, mit einer Ungerechtigkeit in ihrer Jugend endlich abschließen zu können.

Und während wir als Leser die beiden Frauen dabei begleiten, erfahren wir durch Erzählungen und Erinnerungen, was in der jeweiligen Vergangenheit geschah und die Frauen zu dem machte, was sie heute sind.
Nina Blazon ist es dabei gelungen, die beiden Figuren sehr lebendig zu zeichnen. Lebendig und lebensnah. Denn sowohl bei Aino als auch bei Moira ist man sich nie sicher, ob man die jeweilige Protagonistin uneingeschränkt mag. Wie im wirklichen Leben haben beide auch negative Seiten. Während man bei Moira vor allem dann traurig den Kopf schüttelt, wenn sie aus ihrer Vergangenheit berichtet, ist es in der Gegenwart Aino, die durch ihre Skrupellosigkeit und schroffe Art oft schockiert. Aino, die genau weiß, was sie will, und dass ihr nicht mehr ausreichend Lebensjahre zur Verfügung stehen werden, um noch zu zögern. So manipuliert und lügt sie, was das Zeug hält, um ihr Ziel zu erreichen.

Und dennoch finde ich Aino liebenswert und empfinde tief mit ihr, wenn sie von großer Liebe und großen Verlusten erzählt. Und ich bewundere ihre Zähigkeit, ihre Willenskraft und ihren Stolz, mit dem sie versucht, in Würde zu altern. Obschon der Roman an keiner Stelle rührselig wird, hatte ich doch häufiger mal eine Träne im Auge und habe mit beiden Frauen mitgelitten.

Zwei Anmerkungen zum Schluss:
1.) »Aino hat ein Foto umgedreht, verkehrt herum lag.« (Seite 300)
Ein aufmerksameres Korrektorat hätte ich gut gefunden. Ich selbst bin Meisterin darin, Fehler zu überlesen (vor allem in eigenen Texten, weshalb ich mich jetzt schon vorauseilend für die Fehler in diesem Text entschuldigen möchte). Insofern sitze ich im Glashaus. Aber einen Stein darf ich trotzdem werfen: an mindestens zwei Stellen fehlen ganze Wörter! Das sollte vielleicht doch auffallen.

2.) »Ainos Loverboy?« Aarto runzelt zweifelnd die Stirn. »We’re not talking about a threesome or something?« (Seite 496).
Außerdem: Für den unwahrscheinlichen Fall, dass jemand mit der englischen Sprache so rein gar nichts anfangen kann, möchte ich darauf hinweisen, dass immer wieder englische Sätze eingestreut werden. Die sind nicht schwer zu verstehen, aber es gibt auch in der heutigen Zeit Menschen, die absolut kein Englisch verstehen.

Ich bin sicher, dass man der Handlung trotzdem folgen kann. Aber ich denke, der Vollständigkeit halber, sollte dieser Umstand in einer Rezension erwähnt werden.

Mein Fazit:
Ich gebe ja im Gegensatz zu meiner Kollegin und Blogchefin SaCre keine Noten. Aber wenn ich es täte, so hätte dieses Buch die volle Punktzahl erreicht. Nina Blazon erzählt diese Geschichte so wunderbar. Sie versteht es, auf eine besondere Weise mit Sprache umzugehen. Es passiert mir ganz selten, dass ich einen Satz ein zweites Mal lese, weil er so perfekt formuliert ist oder ein so treffendes Bild zeichnet. Hier habe ich das mehrfach getan.

Rana

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